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Prestige mit dem Blut von Arbeitern

Yücel Özdemir über Recep Tayyip Erdoğans wichtigstes Bauprojekt, den neuen Flughafen von Istanbul

  • Von Yücel Özdemir
  • Lesedauer: 3 Min.

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Streikende Arbeiter vor dem neuen Flughafen in Istanbul.
Streikende Arbeiter vor dem neuen Flughafen in Istanbul.

Der dritte Flughafen Istanbuls, dessen Fundament 2014 gelegt wurde, ist das wichtigste von Recep Tayyip Erdoğans Prestigeprojekten. Auf dem Flughafen, der von AKP-nahen Baufirmen errichtet wird, sollen nach der Eröffnung jährlich bis zu 90 Millionen Passagiere abgefertigt werden. Damit wäre er einer der größten Flughäfen Europas. Die Türkei hat darüber hinaus viele arabische Länder angebunden, um die Anzahl der Fluggäste zu erhöhen. Es wird sogar behauptet, dass viele der Umstiege, die bisher über den Frankfurter Flughafen geleitet wurden, sich auf den Istanbuler Flughafen verschieben werden.

Als die Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland noch angespannter waren, behaupteten Erdoğan-nahe Zeitungen und Fernsehsender häufig, der dritte Flughafen Istanbuls würde sich gegen den neuen Flughafen in Berlin durchsetzen. So titelte beispielsweise »Milli Gazete«: »Die Deutschen sind neidisch um den 3. Flughafen.« Der deutsche Botschafter in Ankara, Martin Erdmann, dementierte diese Behauptungen, indem er verkündete, dass die DHL einer der größten Investoren des dritten Flughafens sei.

Yücel Özdemir lebt in Köln und schreibt für die linke türkische Zeitung »Evrensel«.
Yücel Özdemir lebt in Köln und schreibt für die linke türkische Zeitung »Evrensel«.

Das Prestige dieses Flughafens, der so taktvoll zum Gesprächsthema zweier Länder wurde, ist errichtet auf Kosten der Leben von Arbeitern. Letzte Woche begannen daher Tausende, auf der Baustelle des Flughafens gegen die Arbeitsbedingungen zu rebellieren. Das Verkehrsministerium hatte zunächst bestätigt, dass 27 Arbeiter auf der Flughafenbaustelle gestorben seien. Es ist jedoch auch davon die Rede, dass es sogar über 100 Todesfälle gab. In ihren in handgeschriebener Form bekannt gegebenen 15 Forderungen, prangern die Arbeiter darüber hinaus schwere Arbeitsbedingungen, seit sechs Monaten ausstehende Gehaltszahlungen, defekte Shuttle-Busse - mit denen sie von ihren Unterkünften über die riesige Baustelle zum Arbeitsplatz gefahren werden - sowie unmenschliche Unterkunftsbedingungen an.

Die Reaktion der Regierung darauf war hart. Die Gendarmerie verhaftete in der Nacht zum 15. September mehr als 400 Arbeiter. 24 von ihnen wurden vor Gericht gebracht und nach der dortigen Anhörung in Untersuchungshaft gesteckt. Der Widerstand der Arbeiter wurde mit der Anschuldigung beantwortet, sie würden »das Volk zu Groll, Hass und Feindseligkeit aufwiegeln«. Stattdessen sollten sie lieber »ihre Aufgabe erfüllen«. Weder die Baufirmen noch Regierungsvertreter oder lokale Verwalter machten sich die Mühe, mit den Gewerkschaften zu sprechen und die Probleme anzuhören.

Denn sie haben es eilig. Erdoğan bereitet sich darauf vor, sein Prestigeprojekt am Gründungstag der Türkischen Republik, dem 29. Oktober, zu eröffnen. Es gibt einiges, was innerhalb des verbleibenden einen Monats noch erledigt werden muss. Deshalb wurden sämtliche Aktionen verboten, die die Eröffnung verzögern könnten. Die politischen und wirtschaftlichen Gewinne sind wichtiger als die Leben der Arbeiter, die dort wie Sklaven schuften.

Erdoğans Medien deuteten an, dass hinter den protestierenden Arbeitern »andere Kräfte« stecken würden. »Sind ihnen die schlechten Arbeitsbedingungen einen Monat vor der Eröffnung eingefallen?«, hieß es. Würde Erdoğan nicht nächste Woche nach Berlin fahren, um die Beziehungen mit der Bundesrepublik zu normalisieren, hätte es sicher auch »Hinweise« Richtung Deutschland gegeben. So wie vor 20 Jahren, als der Protest in Bergama gegen eine Goldmine in ähnlicher Weise diffamiert wurde. Damals wurde behauptet, eine deutsche Stiftung habe den Dorfbewohnern Geld gegeben. Dass der Scheich von Katar Erdoğan ein 400-Millionen-Dollar Privatflugzeug schenkte, er also Geschenke von »externen Kräften« annimmt, soll dagegen völlig normal sein ...

Jetzt erwarten und brauchen die Bauarbeiter des Flughafens Solidarität. Der Besuch, dem nächste Woche in Berlin der Rote Teppich ausgerollt wird, sollte sehen, dass es sie gibt!

Aus dem Türkischen von Svenja Huck

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