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Demokratie am Arbeitsplatz

Tagungsnotizen

  • Von Jürgen Hofmann
  • Lesedauer: 2 Min.

Über Versuche, demokratische Errungenschaften aus der Sphäre der Politik in die Welt der Arbeit und der Wirtschaft zu übertragen, sollte auf der diesjährigen Internationalen Tagung der HistorikerInnen der Arbeiter- und anderer sozialer Bewegungen (ITH) diskutiert werden. Dem stand jedoch die Vorgabe entgegen, »Demokratie und Selbstorganisation am Arbeitsplatz jenseits der politischen Geschichte von Arbeiterbewegungen« zu beleuchten. Was jedoch nicht ohne historische Rückgriffe geht. Ralf Hoffrogge (Bochum) schlug denn auch die Brücke zur Novemberrevolution 1918/19 und der Rätebewegung, in der sich kurzzeitig Arbeitermacht manifestierte. Brigitte Pellar (Wien) ging ausführlich auf die Selbstermächtigung der Arbeiter in Österreich im Gefolge beider Weltkriege ein. Dirk Dalberg (Bratislava) bot einen Rück- und Überblick über Selbstverwaltungsideen von Marx über Lenin bis zu Ernest Mandel.

Zahlreiche Beiträge präsentierten Ergebnisse soziologischer Untersuchungen. Hier reichte der Bogen von den litauischen Bäckern der 1920er und 1930er Jahre (Ugné Marija Andrijauskaité, Kaunas) über die Auseinandersetzungen bei Fiat Mirafori (Dietmar Lange, Berlin) bis hin zur Arbeiterkontrolle in der Erdölindustrie nach der Iranischen Revolution (Jafari Peymann, Amsterdam). Irritation hinterließ der Versuch von Nikolas Lelle (Berlin), Selbstkontrolleure in NS-Musterbetrieben als Beispiel für die Übertragung von mehr persönlicher Verantwortung an den »deutschen Arbeiter« zu interpretieren. Dass es bei der Integration der Arbeiter manipulierenden NS-System aber tatsächlich um Partizipation ging, darf aber angezweifelt werden.

Ausbaufähig blieb der Themenkomplex Arbeiterselbstverwaltung im Staatssozialismus und in staatlich gelenkten Wirtschaften. Das mehrfach auch von anderen Referenten immer wieder zitierte jugoslawische Beispiel reicht nicht, um die Differenziertheit und Widersprüchlichkeit der Erscheinungen und Vorgänge zu analysieren. So wäre es durchaus lohnenswert, die Selbstorganisation der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Aufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg und in der kurzen Phase des Zusammenbruchs des Realsozialismus zu beleuchten.

Holger Czitrich-Stahl nannte Arbeitsrecht eine Widerspiegelung von Machtfragen im Betrieb. Er verwies auf das Arbeitsgesetzbuch der DDR, dem im vereinigten Deutschland nichts Gleichwertiges folgte. In der Abschlussdebatte wurde nochmals der Zusammenhang von Eigentumsverhältnissen und Demokratie am Arbeitsplatz hervorgehoben (Dario Azzellini, Ithaca), der in etlichen Referaten ausgeblendet blieb.

Die 55. ITH-Konferenz 2019 wird sich dem Thema »Arbeit auf dem Land« widmen. Beiträge können bis zum 6. Januar 2019 bei der ITH (www.ith.or.at) angemeldet werden.

Jürgen Hofmann

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