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Nicht nur die Liebe macht blind

Die Hirnforschung verspricht etwas, was sie nicht halten kann

  • Von Dr. Wolfgang Schmidbauer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Liebe macht blind, sagt das Sprichwort. Sigmund Freud sprach von der Überschätzung des Liebesobjekts, in der Kritik ausgeblendet wird. In einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift wird nun diesen Sprichwortweisheiten hinzugefügt, dass »die Biologie das Ganze verstärkt«. Ein Neurowissenschaftler der Universität Tübingen habe mit bildgebenden Verfahren gezeigt, dass die Areale für kritisches Urteilen bei Verliebten unterdrückt sind - ein Trick des Gehirns, damit wir uns überhaupt auf eine Bindung einlassen. »Der Mechanismus sei sehr ähnlich wie bei einem Süchtigen«, wird der Forscher zitiert.

Solche Formulierungen finden sich in Berichten über »Gehirnforschung« zuhauf. Bizarr daran ist, dass schon seit weit über hundert Jahren kein ernsthafter Psychologe oder Neurologe daran glaubt, dass es seelisches Erleben ohne zeitgleich ablaufende Prozesse im Gehirn überhaupt gibt. Daher kann »die Biologie« auch nichts verstärken oder abschwächen. Motive und Inhalte unseres Erlebens sind grundsätzlich immer auch »Biologie«. Sie sind mit Prozessen identisch, die sich in unserem Organismus abspielen, sind ohne ein durchblutetes Gehirn nicht möglich.

Nun sind die chemischen oder physikalischen Aspekte unserer Erlebnisse technisch ebenso aufwändig zu entdecken wie im Ergebnis dürftig. Werben um journalistische Aufmerksamkeit zur Legitimation sündteurer Experimente mit aufwändiger Technik und banalen Resultaten? Freilich, aber das ist nur die Kulisse. Dahinter steht der Kapitalismus, nicht nur in dem Sinn, dass die Industrie größtes Interesse hat, psychologischen Instituten im Land Abermillionen für Geräte abzuluchsen, deren Nutzen sich womöglich darin erschöpft, Sprichwortweisheiten nicht einmal zu erhärten, sondern an ihnen vorbei ins Belanglose zu forschen. Wer in dieser Strömung schwimmt, für den lassen sich auch politische und soziale Ursachen von Burnout und Depression auf biologische Mangelzustände reduzieren. Populäre Redeweisen, die den ernsthaften Forscher empören, etwa die Gleichsetzung von Chemie und Gefühl, Dopamin als »Glückshormon«, Oxytocin als »Kuschelhormon«, sind alles andere als banal. Als geistige Eisbrecher öffnen sie die Fahrtrinne für den Absatz von Psychopharmaka.

Wer den Krebs leugnet und Schmerzmittel verschreibt, ist ein schlechter Arzt. Bei den depressiven Erkrankungen ist dieses Vorgehen nur milde kontrovers, obwohl immerhin bekannt ist, wie sehr die zugrunde liegenden Leidenszustände in gesellschaftlichen Szenen verwurzelt sind. Eine umfassende Ursachenforschung wäre multidisziplinär, gesellschaftskritisch und extrem skeptisch gegenüber den Möglichkeiten, die Depression mit Medikamenten zu heilen.

Wer die inhaltsleere Bekräftigung von sprichwörtlichen Banalitäten durch »Gehirnforschung« auf sich wirken lässt, kommt kaum an der Frage vorbei, ob es nicht wichtigere Probleme gibt, die diskutiert und gelöst werden müssen. Was ist zum Beispiel mit der Frage, wie wir den vielen traumatisierten Kindern helfen können, die aus Kriegs- und Krisengebieten zu uns geflüchtet sind? Sie sind in unser Land gekommen und werden irgendwann entweder der Sozialfürsorge zur Last fallen, könnten aber auch, wenn es gelingt, sie zu rehabilitieren, einen Teil der Pflegeaufgaben in einer alternden Gesellschaft übernehmen.

Gegen solche Kritik wird gerne mit der hohen Bedeutung von Grundlagenforschung plädiert, die man nicht mit aktuellen Aufgaben belästigen dürfe. Was aber, wenn großer Aufwand in eine Sackgasse führt? In der Kernfusion haben an öffentlichen Geldern interessierte Forscher schon vor sechzig Jahren versprochen, in naher Zukunft verwertbare Ergebnisse zu liefern. Ein Freund, Professor für theoretische Physik, hat mir in den 1970er Jahren gesagt, dass diese Technologie nie zu ökonomischen Resultaten führen wird. Er hat absolut recht behalten, was die damals diskutierten Prognosen anging. Aber das Prestige der beteiligten Großforschung ist so enorm, dass niemand Forscher kritisiert, die alle 30 Jahre fordern, sie bräuchten jetzt noch einmal 30 Jahre und zehnmal mehr Geld, um wirklich zu bauen, was ihre forschenden Väter vor 30 Jahren zugesichert hatten. Nach den damals tönenden Prognosen müssten heute unerschöpfliche, künstliche Sonnen alle unsere Energieängste zum Verschwinden bringen. In Wahrheit haben die Forscher - geforscht und gebastelt; das versprochene »praktische« Ergebnis ist die Karotte an der Stange für die Ökonomen.

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