Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mendel Weißer (Sydney, 1990)

Unbekannte Bekannte

  • Von Walter Kaufmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Mendel ging schon gebückt, als wir uns im Lager in der Wüste von Hay begegneten - das war 1940. Ein halbes Jahrhundert später, beim großen Treffen der einst Internierten, der sogenannten Dunera Boys in Sydney, wirkte er mit seinen achtundsiebzig Jahren geradezu gebrochen - noch gebückter der Gang, tiefe Furchen im Gesicht, müde Augen. Seine Begrüßung hauchte er bloß. Es gehe ihm wie es einem Greis so geht, meinte er; schon fünfzehn Jahre sei er im Ruhestand, und seitdem lebe er in Hafennähe, also unweit von hier.

»Magst du mich besuchen?«

»Jederzeit.«

Er zögerte. »Komm heute - später wird’s schwierig.«

Wir gingen den kurzen Weg, sein Haus lag auf einer Anhöhe, von der Terrasse her sah man die Hafenbrücke und weit über die Bucht - ein prächtiger Ausblick, der seine Stimmung nicht hob. Er sagte wenig über sein jetziges Leben, nichts über seine einstige Tätigkeit als Mathematikprofessor, und ich hielt mich mit Äußerungen über meine Schriftstellerei zurück und erzählte ihm auch nicht, dass ich inzwischen in Berlin lebe. Ob er überhaupt wahrnahm, was ich sagte? Er wirkte noch abwesender als zuvor, seine Gedanken schienen zu schweifen, er blickte an mir vorbei übers Wasser.

»Unser großes Treffen«, sagte er, »für mich kommt es unpassend.« Das mochte auch auf meinen Besuch zutreffen, sagte ich mir.

»Wenn du wüsstest, wenn du nur wüsstest«, meinte er, worauf ich nur zu erwidern wusste, dass in fünfzig Jahre viel geschehen könne.

»Das hast du richtig bemerkt«, sagte er. Noch immer blickte er mich nicht an, seine Lippen bebten.

»Erst der Tod meiner Frau und dann das mit Nadja.« Mendel seufzte. Vor zwanzig Jahren, fuhr er fort, habe sich seine Tochter bei Alice Springs mit einem Aborigine zusammengetan, einem Maler - sie erst 19 und er 40. »Es ging nicht gut, ging gar nicht gut. Der Mann warf das Malen hin, ließ sich aushalten von dem Geld, das ich Nadja schickte, und begann zu trinken, zu trinken, zu trinken. Weißt du, was das mit Aborigines macht? Im Suff quälte er sie. Ich mag es nicht schildern. Er quälte und quälte sie, bis eines Nachts - mein Gott, Nadja hat ihn mit einer Axt erschlagen. Meine sanfte Nadja nahm die Axt.«

Mendel schwieg, und es dauerte bis ich erfuhr, dass seine Tochter sich der Polizei gestellt, jeden juristischen Beistand abgelehnt und am Ende das Urteil widerspruchslos hingenommen hatte.

»Zwölf Jahre Haft in Alice Springs - kannst du das ermessen? Eingekerkert in der Gluthitze von Alice Springs.«

Ich konnte es ermessen. »Oh, Mendel, Mendel«, sagte ich.

»Und übermorgen kommt sie nach Hause«, stieß er hervor, »kommt zurück zum Vater - was soll bloß werden?«

Wieder schwieg er, wir schwiegen beide, und mir war, als hätte sich der Himmel verdüstert.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln