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Die Pleite mit der Pleite

Das Dokudrama »Gier frisst Herz« der ARD bleibt leider hinter der Serie »Bad Banks« des Senders zurück - dramaturgisch und ästhetisch

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

Das Bild des Bankers war hierzulande lang zweigeteilt. Es gab den Typ Broker, der das Geld kleiner Leute verpulverte, mit Nutten, Koks und Champagner seine Skrupellosigkeit feiert und zur gelgebändigten Lockenpracht edle Dreiteiler trägt. Der andere Typ dagegen stutzte sein schütteres Haar akkurat überm C&A-Sakko, wirkte beim Kundengespräch noch biederer als das Resopalbeige seiner Sparkasse. Vor zehn Jahren wurde das Bild vom Finanzsystem aber ein völlig anderes: Am 15. September 2008 brach die viertgrößte Bank der USA zusammen und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft. Fortan erfuhren wir, was Eigenkapitalquoten und Derivate sind. Vor allem wurde klar, dass fiese Banker nicht unbedingt aussehen wie fiese Banker, sondern oft wie Sparkassenberater.

Wenn die ARD jedoch den Jahrestag des Finanzcrashs mit einem Dokudrama begeht, wirkt nahezu alles in »Lehman. Gier frisst Herz« so vertraut, wie Opa Krause es sich vorstellt. Unter der Regie von Raymond Ley (»Eine mörderische Entscheidung«) beginnt die Online-Bankerin Nele Fromm (Mala Emde) am Rande Frankfurts dubiose Zertifikate einer damals unbekannten Bank namens Lehman in Umlauf zu bringen. Doch während ihr öliger Chef sein Team gewissenloser Finanzjongleure zu Parolen wie »Stillstand bedeutet Verlust« animiert, auch Demenzkranken noch das Ersparte aus dem Strumpf zu ziehen, geht es ein paar Büroblocks weiter zu wie in der Allianzreklame vor 30 Jahren. Weil Joachim Król als innerlich wie äußerlich ergrauter Bankbeamter Stammkunden wie den Wirtsleuten Büttner (Susanne Schäfer, Oliver Stokowski) keine Schrottanlagen verkauft, droht ihm Raymond Leys Frau Hannah als harte Bereichsleiterin mit Kündigung, sollte er nicht gieriger sein.

Und so kommt es, wie es kommen muss: Garniert mit Zeitzeugen vom deutschen Lehman-Chef bis zum Ex-Finanzminister Steinbrück, vom tatschuldigen Bankberater bis zu dessen Opfern, zeigen sich die 88 Minuten als didaktisches Rührstück moralinsaurer TV-Unterhaltung. Und das fällt umso mehr auf, als der ZDF-Sechsteiler »Bad Banks« voriges Jahr bewiesen hat, zu welch klugem, durchweg fesselndem, dramaturgisch ebenso wie ästhetisch und konzeptionell brillantem Entertainment selbst ein so vertracktes Thema wie das Finanzsystem werden kann, wenn man sich aller Vorurteile enthält.

Obwohl das Drehbuch unter anderem vom Wirtschaftsjournalisten Marc Brost stammt, sind besonders die Charaktere Karikaturen ihrer selbst. Der windige Manager Joachim Hager (Richard van Weyden) etwa bläst im Tonfall drittklassiger Radiowerbung Sätze wie »Übernahme oder Pleite, das klingt für mich wie die Wahl nach Pest oder Cholera« durchs Eckbüro und sichert Großkunden beim Sternemenü die staatliche Absicherung ihres Kapitals zu, während Kleinkunden im schnellen Schnittwechsel rettungslos dem Untergang entgegen taumeln. So stammt der einzig wahrhaftige Satz von einem der realen Täter. Das Ziel, sagt er mit dem Rücken zur Kamera, »ist es, den Kunden so schnell über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet«. Schade, dass diese Technik im Film so gefühlskalt verkörpert wird.

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