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  • Festival für aktuelles Musiktheater

Ist Berlin noch zu retten?

Roland Quitt von der freien Musiktheaterszene über das erste »Festival für aktuelles Musiktheater« in Berlin

  • Von Stefan Amzoll
  • Lesedauer: 4 Min.

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Festival für aktuelles Musiktheater: Ist Berlin noch zu retten?

Unter Musiktheater wird gemeinhin Oper, Operette oder Musical verstanden. Welchen Begriff von Musiktheater haben Sie?

Es gibt keine feste Definition von Musiktheater. Jeder gebraucht das Wort anders. Wenn man Musiktheater verwenden wollte für jedes Theater, in dem Musik eine wichtige Rolle spielt, dann wäre heute alles Musiktheater. Es gibt kaum Theaterstätten, in denen Musik nicht sehr wichtig geworden wäre. In dem Musiktheater, das wir meinen, und das ist auch der Begriff, den ich verwenden würde, gilt der Musik eine besondere Aufmerksamkeit.

Schauspiel und Oper haben im Regelfall eine Story.

Jenseits der Oper haben sich seit geraumer Zeit zahlreiche Musiktheaterformen entwickelt, die den Erzählstrategien der Oper nicht mehr folgen, Es sind also die Vertreter des neuen Musiktheaters, die für unser Festival wichtig sind, und einige davon präsentieren am Wochenende ihre Projekte.

Was ist das »Freie« an der neuen Musiktheaterszene?

Ich würde die freie Musiktheaterszene im Gegensatz zu den drei Berliner Opernhäusern sehen, die fest subventioniert und wesentlich der Opernform gewidmet sind. Die freie Szene besteht aus einzelnen Akteurinnen und Akteuren, Ensembles, die oft unter ungesicherten Bedingungen arbeiten.

Wie »frei« sind sie? Können sie denn »frei« ihre Rolle spielen, kritisch sein, heikle Themen ansprechen, provozieren und eingreifen in missliche Umstände?

Die Szene ist sehr wagemutig und muss keine Rücksicht nehmen auf Abonnementpläne. Was sie lange Zeit machte, war vielfach abstrakt. Sie hat keine Geschichten erzählt. Typisch dafür sind die Stücke mit Körpersprache des kürzlich verstorbenen Dieter Schnebel. Sie stellen Körperbewegungen aus, ohne dass sie dem Ausdruck von etwas Außermusikalischem dienen. Davon hat sich die Szene zunehmend gelöst und Formen zugewandt, die erzählen und das, was sie erzählen, selbst reflektieren. Das ist eine Art »durchbrochenes Erzählen« in unendlich möglichen Varianten. Unser Festival will, davon einen Eindruck vermitteln, in dem es ein Panorama zeigt.

Mehrere Stücke setzen sich inmitten des Festivalareals in Berlin-Mitte mit der Gentrifizierung auseinander, die dort stattgefunden hat.

Ja, da wäre beispielsweise das Projekt »Dorfkneipe international« von der Gruppe »glanz&krawall« zu nennen. Zentral darin ist die historische »Z-Bar«. Sie ist aus einem besetzten Haus hervorgegangen wie einige andere unserer Spielstätten auch. Das Stück handelt von einem der letzten Abende in der »Z-Bar«, später umbenannt in »Dorfkneipe«, und von der Frage, wie lässt sich Abschied nehmen? Zwei Stammgäste lassen sich die Stimmung nicht verderben: »Scheiße, dass es vorbei ist. Berlin ist verloren, aber hoch die Tassen! Direkt vor ihrer Auslöschung ist die Freiheit am größten.« Das soll auch eine Warnung sein.

»Immersiv« ist ein Begriff, der in Ihrem Konzept auftaucht. Was ist damit gemeint?

Immersiv heißt: der Zuschauer wird selber zum Akteur.

Wie zum Beispiel in »voices of hidden places« der irischen Komponistin Karen Power. Worum geht es?

Ihr Stück handelt vom Verschwinden der Arktis und des Regenwalds am Amazonas. Sie hat Klänge direkt vor Ort aufgenommen und setzt sie in den Raum. Sie verändern sich in dem Maße, wie der Zuschauer sich darin bewegt. Analogien liegen auf der Hand.

In andere Gefilde führt die Unternehmung »Berlin Rosenthaler Platz« von Kirsten Reese und David Wagner.

Die findet genau an diesem Platz statt. Die Zuschauer, so die Idee, haben einen Audio-Guide im Ohr. Da mischt sich Alltagsgeschehen mit Mitteln des Theaters und Zuspielungen zur Geschichte des Platzes. Der war ja mal ein Zentrum jüdischen Lebens gewesen. Punktuell erlebbar wird auch seine DDR- und Wendegeschichte. Über Kopfhörer erhält das Publikum nicht nur Anweisungen zu Wegen und Verweilorten, sondern auch Aufforderungen zu eigenen Aktionen.

Thema ist auch die Oper. Als Parodie?

Manchmal schon. Bis vor kurzem war die Oper noch der Gegenspieler des neuen Musiktheaters. Heute beziehen einige Stücke ihren Inhalt selbst aus Opernstoffen, auch in unserem Festivalprogramm. Eines von Johannes Müller und Philine Rinnert heißt »White Limozeen« und setzt sich mit Puccinis »Madame Butterfly« vor dem Hintergrund des Kolonialismus auseinander und befragt die dem Werk inhärenten rassistischen Klischees.

Die Stimme ist unstrittig das menschlichste Instrument. Nach meinem Begriff konstituiert sie die Gattung Musiktheater. Welche Rolle spielt sie bei Ihrem Festival?

Es gibt es einige Stücke ohne vokale Beteiligung. Ich würde also nicht sagen, dass Singen konstitutiv ist für Musiktheater. Sie haben natürlich recht, traditionell spielt es eine wichtige Rolle. Aber vokale Aktionen müssen heute nicht notwendigerweise Singen sein. Denken Sie an die völlig anderen Arten von John Cage, Mauricio Kagel, Luciano Berio oder György Ligeti, mit der menschlichen Stimme umzugehen. Diese Errungenschaften sind nicht vom Tisch zu wischen. Es ging dabei auch um einen Bruch mit der Ästhetik des schönen Klangs. Kunst sollte nicht mehr notwendig schön sein, sondern gesellschaftliche Wirkung hervorbringen.

Bis 23. September, Infos: bam-berlin.org

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