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Serigrafisch gesehene Kunststadt

Die Siebdruckschau im Dresdner Leonhardimuseum demonstriert der Elbstadt, was ihren anderen Häusern abgeht

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 6 Min.

Niemals wurde das Loblied darauf gesungen, das Ruhmesblatt dazu nimmermehr überreicht. Der Siebdruck blieb als künstlerische Drucktechnik unter seinesgleichen ein spät geborenes Waisenkind. Wer waren seine Eltern? Das blieb im Dunkel. Adoptiert von Kommerz und Werbung schlug er sich auf Seitenwegen durch. Die Blätter der grafischen Kabinette dominieren bis heute unangefochten die Jahrhunderte alten Verfahren wie der Hochdruck des Holzschnitts, der Flachdruck der Lithografie und der Tiefdruck der Radierung.

Bei diesem rasternden Durchdruck durch Seidengaze ist eben alles anders. Das mittels Rakeln durch unterschiedlich beschichtete Stofffolien leicht zu handhabende Siebdruckverfahren entwickelte sich erst unerkannt kunstlos. Bis es in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts zu seinem Namen Serigrafie kam und dann von bildenden Künstlern dem künstlerischen Ausdruck dienstbar gemacht wurde, war es ein aufhaltsamer Weg. Die Vereinnahmung durch die Werbebranche ist das Verfahren nie losgeworden. Ausflüge in die reine Kunstübung werden somit besonders kostbar.

Bitte - hier sind nun diese Kostbarkeiten! Die Stadt erwies sich als originäres Kraftzentrum immer neuer Kunstäußerungen. Die angeborene Bescheidenheit der da ausgebildeten und wirkenden Aktiven macht kaum Aufhebens davon. Da muss dann eben eine Forscherin wie Claudia Reichardt recherchieren und eine Fachfrau wie Irina Claußnitzer als Verbündete gewinnen. Und als Kopf der Kunstoase Leonhardimuseum muss ein Bernd Heise Feuer fangen und eine Schau daraus entstehen lassen. Auf diese Weise macht man dann dem ortsansässigen und weltberühmt vor sich hindümpelnden Kupferstichkabinett vor, was seine eigentliche Aufgabe wäre. Dessen Dienstherr Freistaat Sachsen gibt leider auf so etwas keinen Pfifferling.

Zwei Tage vor Eröffnung die im Aufbau befindliche Ausstellung zu erleben - dieser günstige Zufall macht die Sache noch spannender. Die locker improvisierte, aber wohl komponierte Hängung ist bereits komplett. Da die Betextung noch fehlt, darf man schnell Wohlbekanntes wieder entdecken: Auf den grafischen Punkt Gebrachtes von Petrovsky, Voigt, Schieferdecker oder Jürgen Haufe, Klaus Dennhardt und sogar A.R. Penck. In den 80er Jahren kunstpolitische Frischlufttherapie besonderer Güte. Nie konfliktlos entstanden und gerade deshalb so erheblich. Grandios erkennbar die Spitzenleistungen der Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner, Karl-Heinz Adler und Manfred Luther. Ihr ausgewogen geometrisches Kalkül gibt die so farbintensive Siebdrucktechnik exzellent wieder.

Die seinerzeit von Namen wie Gudrun Trendafilov. Angela Hampel und Tanja Zimmermann markierte weibliche Flanke bringt wiederum charmante Beweglichkeit in die Szene. Die ältere Gerda Lepke sorgt bis heute für Varianten sensibler Zerfaserung. Aber nirgends sonst ist die druckende Person so entscheidend wie hier. Da ist es nur gerecht, die Namen der Drucker auf besondere Weise zu betonen: Was Jürgen Gottschalk an akkurater Experimentierlust zuerst mitbrachte, steigerte sich bei Ekkehard Götze zur Verschmelzung mit dem Anliegen der Entwerfenden. Als Mail-Art-Künstler 1985 in den Westen abgeschoben, war Gottschalk 1991 schon wieder da, um beim Verein »Riesa Efau« in den Wettbewerb mit Thomas Haufes »Haufenpresse« und Bodo Pritsches »Graupenpresse« einzusteigen.

Götze war 1988 als allzu freier Künstler westwärts vergrault, und druckte in München eher nur zum Broterwerb weiter. Wichtigste Nachfolgerin wurde in Dresden Irina Claußnitzer mit ihrem »Rautedruck«. Die Kunsthochschule war 1993 so klug, sie als Siebdruckerin fest an sich zu binden. Kein Wunder, wenn ein Löwenanteil der ausgestellten Werke von ihr gedruckt wurde. Studierende brachte sie zum Selberdrucken. Etwa wenn Britta Jonas auf Kunstleder, Stoff oder Sperrholz filigrane Vitalitäten hinzaubert. Oder der Street-Artist Jens Besser sogar mit mobiler Werkstatt in andere Länder expandiert und im Freien den abgedroschenen Sprühgraffitis Paroli bietet. Serigrafie ist da variabel genug, um zu expandieren.

Die Vernissage konnte ein echtes Sommerfest werden, weil drei Galerien vom Körnerplatz nebenan ebenfalls exzellente Siebdruckkunst der Namen ihrer Wahl zeigen: »Am Damm«, »Alte Feuerwache«, und »Hieronymus« machen das Areal künstlerisch attraktiv. Einzig schade, dass die langjährige Forschungsarbeit Claudia Reichardts zum Thema nicht in einer anspruchsvolleren Publikation dokumentiert wird. Man weiß es doch: Die Literatur zur zeitgenössischen Druckgrafik ist so kümmerlich wie ihre Publizierung durch die Kabinette. Selbst noch die Kunstkalender ignorieren sie. Was Serigrafie in lebendig praktizierter Demokratie etwa beim Plakatieren leisten könnte, davon kann man kaum genug träumen. Die Bildkultur unseres Landes hat ästhetisch einen kruden Nachholbedarf.

Diese Ausstellung zeigt es: Dazu gingen einmal vom Dresden der 70er und 80er Jahre ganz moderne innovative Impulse aus. Unter dem Müll jahrelanger pauschaler Aburteilung von Kunstleistungen klauben wir jetzt mühsam die gültigen Maßstäbe wieder hervor. Nun gilt es, die Fehlstellen einer Pseudomoderne konkret zu verorten. Beispiele? Da steigt der langjährige Nachwende-Rektor der Kunsthochschule Sery C. vom Olymp der Brühlschen Terrasse herab und zeigt bis Anfang Oktober in der sonst so erfrischend agierenden Städtischen Galerie im Grunde ein ästhetisches Nichts. »Investigation« nennt das der Richtunggeber des jugendlichen Nachwuchses. Auf welche Spuren weist er hin? »Paintwritings«, »Herrschend über Helden« oder »Repetitorium über die Zeit« nennen sich nebelhaft die chaotischen Details der Hilflosigkeit. Form? Farbe? Außer Kraft gesetzt. Ästhetik ist abgemeldet. Was da völlig ins Leere läuft, setzt sich fort, wo auf Terrassen-Niveau die Macher der Staatlichen Sächsischen Sammlungen den Hut aufhaben: Im Lipsiusbau und dem Albertinum.

Der Zeit-Ungeist schwelgt museal gern in überdimensionalen Leerräumen. Im Lipsiusbau fanden die Experten für tolle Musterschauen bisher genug gestalterische Substanz dafür, die enorme Breite und Höhe des Raums zu füllen. Nun aber: Fehlanzeige. Das zu zeigende Projekt ist pure Wissenschaft, optisch vollständig unterernährt. Langes Suchen, tiefer Sinn: Erstmals wird enthüllt, wie lateinische, arabische und kyrillische Schrift imperialen Strategien unterworfen wurden. Welches Thema! Das »Kollektiv der Künstler*innen« namens »Slavs & Tatars« macht daraus ein mühsames Puzzlespiel. Die Kunstspuren verlieren sich so wie die ungenannten Urhebernamen. Im Vertrauen: Kasia Korczak und Panam Sharifi. Schade drum.

Die Gemäldegalerie Neue Meister birst inzwischen geradezu vor Kunst aus der DDR. Bisher kaum gezeigt, ist nun »Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1945-1990« im Albertinum bis Januar dicht bei dicht nebeneinander gepfercht. Würdelos, wie undifferenziert und pauschal dem zahlreich und neugierig kommenden Publikum das Füllhorn des Depots vor die Füße geschüttet wird. Zum Kontrast gibt es ja die überdehnte Leere der Gerhard Richter gewidmeten Räume. Göttlicher Ratschluss der Chefkuratorin: Der Gebenedeite darf dort auf Dauer alle ihm ebenbürtigen Malerkollegen ausstechen. Ja, was soll uns davon abhalten, gerade jetzt die Wertschöpfung kultureller Leistungen deutlicher zu markieren? Niveaulose Krawalle von Demos täuschen: Der in Sachsen latente Unwillen darüber, gesamtdeutsch nicht integriert zu sein, hat in der Sphäre von Kunst und Kultur eine andere Qualität.

RASTERN. Siebdruck in Dresden von den Anfängen bis zur Gegenwart. Leonhardi-Museum Dresden, noch bis zum 11. November.

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