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Das »perfekte System der Vertuschung«

Deutsche Bischofskonferenz veröffentlicht Missbrauchsstudie / Opferverbände kritisieren mangelnde Einbindung

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 3 Min.

Eigentlich wollten sich die 66 Mitglieder der Bischofskonferenz bei der Herbst-Vollversammlung in Fulda auch mit den Themen Flüchtlingsarbeit, Organspende und Ökologie befassen. Aber im Mittelpunkt steht die Studie »Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz«.

Erstellt wurde sie innerhalb der letzten vier Jahre von Psychologen, Kriminologen und Gerontologen aus Mannheim, Heidelberg und Gießen, deshalb auch MHG-Studie. Bereits vor ihrer Veröffentlichung ist daraus bekannt geworden, dass seit 1946 mindestens 1670 Geistliche Minderjährige vergewaltigt oder sexuell belästigt haben. Die Zahl der Betroffenen, die meist männlich und unter 14 Jahre alt waren, liegt bei mindestens 3677. Dabei sei die Dunkelziffer laut den Forschern weitaus höher.

Die Gründe für Missbrauch bezeichnete der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zum Auftakt am Montag als »systemisch«. Seit 2010 sei mehr oder weniger klar: »Es handelt sich um sexualisierte Gewalt, die mit Machtfragen zu tun hat«, so Marx in seiner live im Internet übertragenen und auf katholisch.de abrufbaren Stellungnahme. Er habe bereits mit dem Papst gesprochen, gerade auch im Hinblick auf ähnliche Vorkommnisse im Ausland. Der Kardinal spricht von »Geschehnissen« oder »Vorkommnissen«, weniger von »Missbrauch« oder »Vergewaltigungen«. Die Antwort darauf müsse laut Marx nun ein Dreiklang aus »Hinhören, Verstehen und Konsequenzen-Ziehen« sein. Seinem Gespür nach stehe die Kirche an einem »Wendepunkt«. Er wolle zudem, dass die Wahrnehmung der Opfer im Vordergrund steht, so Marx am Montag.

Fehlende Aussagen der Opfer sind just, was der »Eckige Tisch«, die Selbstorganisation Betroffener von sexualisierter Gewalt an Jesuiten-Einrichtungen, bisher vermisst. Laut einer Stellungnahme des Verbandes habe es weder Zeugenvernehmungen noch die Möglichkeit gegeben, »direkt in den Archiven nach Querverbindungen, Tatmustern und Mitwissern zu suchen«. Matthias Katsch, Sprecher des »Eckigen Tischs«, prangert an: »Wir erfahren keine Namen von Tätern, es werden keine verantwortlichen Bischöfe identifiziert, die das System aus sexuellen Übergriffen und Vertuschung seit Jahrzehnten gedeckt und perfektioniert haben.«

Kardinal Marx findet dennoch, dass es sich um »eine seriöse Studie« handelt. Kritische Gesichtspunkte seien legitim, doch damit könnten sich die Wissenschaft oder die gut informierte Öffentlichkeit befassen. Sicherlich gebe es auch noch weiteren Forschungsbedarf. Aus Vorwürfen, dass Akten nicht zugänglich gewesen seien, will Marx keine Konsequenzen, wie etwa einen Rücktritt, ableiten. Er verweist darauf, dass 2010 eine verbindliche Kooperation mit der Staatsanwaltschaft eingeführt worden sei. Dabei gebe es nur eine Ausnahme: Wenn Opfer dies explizit nicht wünschen, könnte die Akteneinsicht verweigert werden.

Die MHG-Studie ist auch grundsätzlich kritisiert worden. Zahlreiche Medienberichte stellten infrage, inwiefern die Täterorganisation Kirche die eigenen Gewalttaten überhaupt aufarbeiten kann. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, empfiehlt eine staatliche Aufklärung, da Kirche und Staat ohnehin Partner seien. Akteneinsichtsrecht für Betroffene, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse sowie Entschädigungsansprüche könnten in Verträgen zwischen Kirche und Staat geregelt werden, schlägt Rörig vor. Bisher oblag die Entscheidung, ob Entschädigungen gezahlt werden, allein der Kirche.

Auf der Website der Bischofskonferenz wird unterdessen davor gewarnt, dass die vermehrten Medienberichte über das Thema Missbrauch erneute »seelische Probleme« bei Betroffenen entstehen lassen könnten, »weil plötzlich die Erinnerungen und das Leid wieder spürbar werden«, heißt es auf der Seite. Für diesen Fall hat die Kirche eine Telefonberatung eingerichtet.

Eine weitere Reaktion von Kardinal Marx besteht darin, an der Jugendsynode in Rom teilzunehmen, denn wie er sagt, »das Thema« - er meint die Missbrauchsskandale - »hängt eng mit der Jugend zusammen«. Er bat trotz allem darum, dass die anderen Themen der Versammlung nicht untergehen, etwa der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft in Zeiten von Populismus und Ereignissen wie denen in Chemnitz. Hierzu habe die Bischofskonferenz bereits zwei Projekte in Planung.

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