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Der Vatikan einigt sich mit China

Katholische Kirche schließt Vertrag mit Peking über die Ernennung von Bischöfen

  • Von Finn Mayer-Kuckuk, Peking
  • Lesedauer: 4 Min.

Möglicherweise reist Papst Franziskus demnächst nach China - als erstes Oberhaupt der Katholischen Kirche in der Geschichte. Denn der Vatikan und die chinesische Regierung haben am Samstag gemeinsam die Absicht erklärt, demnächst die Ernennung von Bischöfen für China gemeinsam zu regeln. Damit ist der größte Streitpunkt zwischen dem Papst und den Kommunisten vom Tisch - und das wiederum ermöglicht einen Besuch bei den Gläubigen in dem bevölkerungsreichsten Land der Welt.

Die Streitfrage zwischen Peking und dem Vatikan war seit Jahrzehnten: Wer darf die Bischöfe in China ernennen? Die chinesische Regierung will sich da nicht reinreden lassen: Sie akzeptiert generell nur politisch linientreue Personen in Führungspositionen - da ist es egal, ob es um Religion, Wirtschaft oder Politik geht. Auch die Lamas, die heiligen Männer Tibets, ernennt Peking seit Jahren selbst. Zum Ärger der Tibeter.

Ebenso ärgerte sich der Vatikan über die eigenmächtige Ernennung der Kirchenführer. Schließlich liegt eigentlich es allein und ausschließlich in der Macht des Papstes, Bischöfe zu weihen. Eine Annäherung der Positionen lag gleichwohl schon eine Weile in der Luft. Dennoch kam es nun durchaus überraschend, dass Franziskus die bereits von China ernannten Bischöfe einfach akzeptiert. Er tut das offenbar, ohne die anderen offenen Fragen geklärt zu haben, und ohne weitreichende Zugeständnisse zu verlangen, wie Kritiker anmerken.

Doch der Katholischen Kirche geht es da wie derzeit Google, Facebook und anderen Wirtschaftsunternehmen. Eigentlich wollen sie sich dem Regime nicht unterwerfen, doch sie wollen auch den Zugang zu China nicht verpassen. Für die einen gibt es dort noch viel zu missionieren, für die anderen einen riesigen Markt zu erschließen. Dafür sind sie zu erheblichen Kompromissen bereit. Die Katholische Kirche hat zuletzt nur noch in Afrika und Asien einen nennenswerten Zuwachs an Mitgliedern verzeichnet. Derzeit gibt es dennoch nicht mehr als zwölf Millionen Katholiken in China. Das Potenzial für das Anwerben neuer Gläubiger ist in einem Land mit 1400 Millionen Einwohnern also riesig.

Die Unterzeichnung des Abkommens erfolgte am Samstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Keine neutralen Beobachter waren dabei, es gab keine Pressekonferenz. Der Papst soll in dem Papier zusagen, dass er sieben bereits von den Chinesen ernannte Bischöfe akzeptiert, obwohl er drei von ihnen zur Strafe aus der katholischen Kirche ausgeschlossen hatte. Die Exkommunizierungen sollen nun wohl rückgängig gemacht werden. In China gibt es derzeit 65 regierungstreue Bischöfe, die anderen hat der Vatikan zuvor bereits anerkannt.

Papst Franziskus hofft nun, dass der Vertrag »die Wunden der Vergangenheit heilt«, wie ein Sprecher des Papstes in einer Mitteilung verlautbaren ließ. Er schaffe die »Voraussetzungen für eine engere bilaterale Zusammenarbeit«. Der Vatikan betont jedoch auch, das Abkommen sei »seelsorgerischer Natur« und »provisorisch«. Es seien noch weitere Verhandlungen nötig.

Katholiken dürfen ihren Glauben in China nur dann ausüben, wenn sie Mitglied eines staatlichen Vereins werden. Dieser heißt passenderweise: »Patriotischen Vereinigung der Katholiken« und pocht auf Treue zu Nation und Partei. Kein Wunder, denn es handelt sich um eine Unterorganisation der Kommunistischen Partei, die China seit 1949 allein regiert. Auch die Gewerkschaften oder die Frauenliga sind in China Teile der KP. Der Vatikan hat die Existenz dieser Organisation bisher immer kritisiert und es daher bisher auch abgelehnt, diplomatische Beziehungen zu China aufzunehmen. Stattdessen befindet er sich in Kontakt mit der Republik China auf Taiwan. Unklar ist, wie der Vatikan nach dem nun geschlossenen Abkommen zukünftig mit Taiwan umgehen wird.

Unklar ist auch, wie der Kompromiss zwischen Peking und dem Vatikan bei den Katholiken in China aufgenommen werden wird. Diese hielten trotz aller Regulierungen an ihrem Glauben fest. Viele von ihnen vertrauten weiter dem Papst und praktizieren ihren Glauben im Untergrund. In den vergangenen Jahren mussten auf Druck der Partei viele Kreuze von Kirchen verschwinden. Priester wurden verhaftet. Die KP misstraut religiösen Organisationen, weil es oft Sekten und andere spirituelle Massenbewegungen waren, die in der Vergangenheit Aufstände gegen den Staat organisiert haben.

Doch die Christen sind nicht unbedingt begeistert von dem Deal ihres Oberhauptes mit der offiziell atheistisch eingestellten KP. Von einem »Pakt mit dem Teufel« spricht der ehemalige Hongkonger Kardinal Joseph Zen in Interviews. Er berichtet von »Verwirrung und Schmerz« unter den Katholiken in China. Diese haben Zen zufolge viel Leid und Schmerz auf sich genommen, um von Peking unabhängig zu bleiben und dem Vatikan die Treue zu halten. Die Anstrengungen seien nun vergeblich gewesen. Viele von ihnen seien vom Papst »sehr enttäuscht«, sagt auch Porson Chan, Vorsitzender der Gerechtigkeits- und Friedenskommission der Diözese von Hongkong.

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