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Zeitalter übereinandergeschichtet

Archill Kikodze schlägt in seinem Roman »Der Südelefant« den Stadtplan des historischen Tbilissi auf

  • Von Johanna Reinicke
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ein Kindheitsfoto zeigt sie als Freunde. Das blieben sie auch als Erwachsene jahrelang: Vor dem Skelett eines Südelefanten, einer ausgestorbenen Spezies, am Eingang des Archäologischen Museums Tbilissi, posierten sie vor der väterlichen Kamera: Tazo und der Ich-Erzähler.

Archil Kikodze (Jahrgang 1972) hat seinen in Georgien preisgekrönten Roman nach diesem frühen Bewohner des Landes genannt. Er steht für die Geschichte und die vielen Schichten im heimatlichen Boden, die das Buch bloßlegt. Tazos Vater und die Mutter des Ich-Erzählers waren nämlich Archäologen!

Das mit Glück erfüllte Foto ist indes Geschichte: Seit Jahren haben sich die Freunde nicht mehr gesehen. Jeder hatte einen eigenen Grund zum Rückzug. Jetzt hat sich Tazo überraschend angesagt. Er möchte eine Frau in der Wohnung des Erzählers empfangen. Der quartiert sich kurzerhand aus den eigenen vier Wänden aus. Und wie er einen ganzen Tag - meist ziellos - durch Tbilissi streift, nimmt er Leser mit auf seinem Weg, teilt mit ihnen Erinnerungen und Anekdoten.

Seine Geschichten sind herzerwärmend, manche traurig, manche einfach nur schön. Der Autor gebietet über eine Palette von literarischen Formen. Da sind immer wieder angestimmte innere Monologe, beobachtende Reportagen, gekonnte Dialoge, reine Erzählungen. Der Ich-Erzähler befragt die jüngste Vergangenheit Georgiens. Dazu gehört die Ermordung des Schriftstellers Micheil Dschawachischwili durch Beria, den späteren Geheimdienstchef der Sowjetunion. An Täter und Opfer erinnern bis heute ihre Häuser.

Archil Kikodze schlägt neben dem Stadtplan vom historischen Tbilissi auch das Märchenbuch der Regionen Georgiens auf. Im Mittelpunkt stehen menschliche Beziehungen, stehen Tbilissi und Georgien, die Welt der Natur und die vom Ich-Erzähler verlassene Welt des Kinos. Sein einziger Film war mit Preisen überhäuft worden. Dann hat er für einen tragischen Unfall bei Dreharbeiten die Verantwortung übernommen. Auch Tazo plagen Schuldgefühle für den Tod eines Menschen.

Die vielleicht schönste Liebesgeschichte der georgischen Literatur steht ebenfalls für einen schmerzlichen Verlust: Die frühere Geliebte des Erzählers, die kluge Ergotherapeutin Nelly, schickt Aufnahmen von ihren Reisen mit dem neuen Ehemann auf sein Handy. Die Nachbarin Mediko aus seinem Haus hingegen hat keinen Partner. Sie lebt mit ihrem alten Vater, der seit dem räuberischen Überfall auf ein befreundetes Streichquartett keinen Schritt mehr vor die Tür gesetzt hat. Jahre her. Damals, in den unruhigen Zeiten des Umbruchs, war der vor dem Hause von einem Verehrer für die junge Mediko abgestellte BMW brandneu gewesen. Gefahren wurde er nie.

Immer wieder finden sich Lebensweisheiten im Text, geben ihm ein essayistisches Gepräge. Die Liebende Nelly lässt der Autor sagen: »Wenn ein Mensch auf die Welt kommt, dann ist das Einzige, was ihm angeboren ist, dass er jemanden oder etwas greifen muss, das Loslassen lernt er erst später.« Ein litauischer Kollege vom Film erzählt in einem Eichenwald bei Vilnius: »Kürzlich habe ich einen Bauern gesehen, der im Vorbeigehen eine hundertjährige Eiche grüßte, er nahm vor dem Baum seine Mütze ab. Da habe ich gedacht, dass wir noch nicht gänzlich verloren sind.« Mit seiner Mutter war der Protagonist wegen ihres Nationalismus lange entzweit. Als sie in seiner Obhut gestorben war, übergaben ihm ihre Kollegen einen alten Hammer aus Vulkanglas: »Es war der Wunsch deiner Mutter, dass man ihr etwas aus dem Altpaläolithikum mit ins Grab legte. Sie meinte, sollte sie eines Tages von Archäologen ausgegraben werden, dass diese sich ruhig den Kopf zerbrechen sollten.« Der Ich-Erzähler hört nicht auf zu weinen: »... es war die Erkenntnis, dass meine Mutter anscheinend Humor besessen hatte ... und hatte es vor der ganzen Welt geheim gehalten.«

So schichten sich Zeitalter übereinander und verdichten sich zu diesem schönen Roman, der die Leser nach Georgien versetzt, den Ernst und die Banalität der Welt bespricht und zeigt, wozu große Literatur fähig ist.

Archil Kikodze: Der Südelefant. Roman. Aus dem Georgischen von Nino Haratischwili und Martin Büttner. Ullstein Verlag, 272 S., geb., 22 €.

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