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Einmal als Mensch behandelt werden

Bosnien und Herzegowina stimmt noch vor der Wahl mit den Füßen gegen Perspektivlosigkeit und Misere ab

  • Von Elke Windisch, Dubrovnik
  • Lesedauer: 7 Min.

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Enver Prik hat im benachbarten Kroatien Arbeit gefunden.
Enver Prik hat im benachbarten Kroatien Arbeit gefunden.

»Aus ihr könnte mal richtig was werden!« Wohlgefällig ruhen die fachkundigen Augen von Trainer Brano Krivokap auf Biljana, der Kleinsten der Kleinen, die in der Kleinstadt Trebinje im südöstlichen Zipfel von Bosnien und Herzegowina im Schwimmbad ihre Bahnen ziehen. Auch an der Stange vor der Spiegelwand im Ballettsaal übt das zierliche blauäugige Mädchen mit den flachsblonden Zöpfen, als ob sie eine zweite Maja Plissezkaja werden will. Doch die Erstklässlerin will Krankenschwester werden. »Als Krankenschwester kriegt man sofort eine Arbeitserlaubnis für Deutschland«, sagt sie. Wenn in der dritten Klasse Fremdsprachen auf dem Lehrplan stehen, will Biljana daher statt Englisch Deutsch wählen.

Deutschland heißt der Sehnsuchtsort für viele Menschen in den Westbalkan-Staaten: Allein in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres hätten Bürger Albaniens, Mazedoniens, Montenegros, Serbiens, Kosovos und aus Bosnien und Herzegowina bei deutschen Konsulaten 52 000 Anträge für ein Arbeitsvisum eingereicht, meldet die kroatische Nachrichtenagentur HINA. Das seien doppelt so viele wie im gleichen Zeitraum 2015. Und anders als die Migranten aus dem Nahen oder Mittleren Osten, die zum Teil mit völlig unrealistischen Vorstellungen kommen, wissen die Menschen vom Balkan genau, was sie erwartet, und vor allem, was von ihnen erwartet wird. Und das aus erster Hand.

So gut wie jede Familie hat »oben« Verwandte oder Bekannte. Schon in den 1970er Jahren jobbten viele Jugoslawen in der alten Bundesrepublik als Gastarbeiter. Damals indes war die Lebensplanung eine andere: Ärmel hochkrempeln, Geld verdienen, Rentenansprüche sichern und dann zurück. Das Ersparte genügt zu Hause für ein kleines Glück. An Rückkehr denkt heute nur noch ein Teil der Kroaten. Die anderen wollen bleiben. Für immer.

Rund 20 000 Bürger Serbiens arbeiteten Ende 2017 in Deutschland. Legal. Experten und zivilgesellschaftliche Organisationen fürchten, dass die Dunkelziffer bedeutend höher liegt. Im gleichen Zeitraum steigerten laut Statistik auch 20 000 Arbeitsmi-granten aus Bosnien und Herzegowina nicht das eigene, sondern das deutsche Bruttosozialprodukt. Weitere 18 000 machten sich dort seit Januar 2018 auf den Weg nach Norden.

Im Februar auch Omer Begić aus Tuzla, der seinen richtigen Namen nicht gedruckt sehen will. Im Sommer war er auf Kurzurlaub in der alten Heimat. Über die neue ist er voll des Lobes: »In Deutschland habe ich mich zum ersten Mal als Mensch behandelt gefühlt«, sagt der 35-jährige Maschinenschlosser. Schon zu Hause hatte er sich auf mehrere Stellen beworben. Fast alle, sagt er, hätten geantwortet und Interesse signalisiert. Seinen Verwandten im Großraum Stuttgart brauchte er daher nach der Einreise nicht lange auf der Tasche liegen. »Schon nach zwölf Tagen habe ich meinen Arbeitsvertrag mit einem mittelständischen Unternehmen unterschrieben.« Mit geregeltem Urlaubsanspruch, den er schon nach drei Monaten nutzen konnte. Der Lohn werde pünktlich auf sein Konto überwiesen. Aus der Abrechnung sei ersichtlich, dass die Firma auch Beiträge an die Kranken-, Renten und Arbeitslosenversicherung abführt. Zu Hause, erzählt Begić, habe er den Lohn größtenteils bar in einem Umschlag bekommen. »Der Boss wollte Steuern und Sozialabgaben sparen.«

Begić hat sein Loblied auf Deutschland vor Nachbarn und Bekannten schon so oft gesungen, dass Ehefrau Dzenana jedes Detail kennt. Trotzdem kann sie nicht genug davon bekommen. Auch ihre Papiere seien »in Bearbeitung«. Die gelernte Krankenschwester lässt sich derzeit zur Altenpflegerin fortbilden und besucht einen Deutschkurs. »Unsere Kinder werden in deutsche Schulen gehen«, sagt sie mit glänzenden Augen. »Wenn sie gut lernen, auf die Universität. Und wir müssen dafür nichts bezahlen.«

Auswandern, sagt Wirtschaftsprofessor Gordan Radivojac aus Banja Luka, würden nicht nur Arbeitslose aus dem unterentwickelten bosnischen Bergland, sondern zunehmend auch solche, die einen relativ gut bezahlten Job haben. Sogar in West-Herzegowina, der mit Abstand wohlhabendsten Region des Landes, die von Tourismus, vor allem von den Pilgerfahrten zum Marienwallfahrtsort Medjugorje lebt, packen viele ihre Koffer. Hauptgründe seien neben Perspektivlosigkeit schwere Verstöße gegen das Arbeitsrecht, meint der Forscher. Im jüngsten Index über globale Sklaverei der australischen Menschenrechtsorganisation Walk Free Foundation findet sich Bosnien und Herzegowina - immerhin potenzieller EU-Beitrittkandidat - daher auf Rang 98 von 167 wieder. Fast auf gleicher Höhe wie das zentralasiatische Tadschikistan.

In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, sind vielerorts noch immer die Narben des Krieges zu sehen.
In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, sind vielerorts noch immer die Narben des Krieges zu sehen.

Die Arbeitsgesetzgebung in Bosnien und Herzegowina, sagt Mersiha Beširović von der Gewerkschaft Handel und Dienstleistungen, sei zwar der deutschen sehr ähnlich, teilweise sogar eins zu eins abgekupfert. Die Bestimmungen würden jedoch nicht eingehalten. Der Staat als größter Arbeitgeber gehe mit schlechtem Beispiel voran. Überstunden würden weder vergütet noch mit Freizeit abgegolten, Löhne oft monatelang nicht gezahlt. In der Privatwirtschaft sei es noch schlimmer. Kleine Firmen ignorierten die gesetzlich vorgeschriebenen Standards für Mindestlohn und Mindesturlaub, während die Chefs das Motto von Sonnenkönig Ludwig XIV abwandeln: Die Firma, das bin ich.

Die 60-Stunden-Woche war für Enver Prik eher die Regel als die Ausnahme, Auflehnung ein Entlassungsgrund, längere Krankheit ebenso. Als seine Firma in den Nullerjahren dennoch Konkurs anmelden musste, war er »richtig erleichtert«. Einerseits. Andererseits fühlte sich der heute 59-jährige Fliesenleger für den deutschen Arbeitsmarkt schon damals zu alt. Über Bekannte bekam er Kontakt zu einem Handwerksbetrieb im kroatischen Dubrovnik. »Ich konnte mein Glück kaum fassen«, sagt Enver und ein stilles Lächeln steht in seinen braunen Augen.

Kroatische Handwerker gehen mit einem Viertel dessen nach Hause, was Kollegen in Deutschland verdienen. Obwohl die Lebenskosten in der Küstenregion fast die gleichen sind. Seinen bosnischen Gastarbeitern zahlt Envers Chef, dessen Familie selbst aus Bosnien und Herzegowina stammt, noch ein bisschen weniger. Vier Wochen Urlaub im Jahr hat Enver. Drei davon im August; die Firma macht wegen der Hitze Betriebsferien. Genauso wie in der Woche zwischen Weihnachten und Neujahr. Die muslimischen Feste kann Enver mit seiner Familie nur dann feiern, wenn die Auftragslage es zulässt. Beim viertägigen Opferfest in diesem Sommer musste er schon am dritten Tag gegen Mittag fort. Es sind zwar nur rund 300 Kilometer von Dubrovnik bis in die Kleinstadt Kladanj, wo Enver zu Hause ist. Aber die Straßen sind schlecht und an den Grenzen ist oft Stau. Die Heimfahrt tut er sich daher nur einmal im Monat an. Denn in der Firma wird auch samstags gearbeitet. Bis drei Uhr nachmittags.

Er habe stets Angst, am Montag zu Arbeitsbeginn nicht rechtzeitig zurück zu sein, sagt Enver. Mitte September wurde der Alptraum Wirklichkeit. Enver hatte zu Hause Holz geschlagen und dann gespalten. Der Winter kommt früh in den bosnischen Bergen. Nur für ein Nickerchen steuerte er bei der Rückfahrt in der Nacht den Parkplatz kurz vor der Grenze an und stellte den Handy-Wecker auf 15 Minuten. Als er aufwachte, dämmerte es schon.

Wenn er nicht nach Hause fährt, arbeitet Enver auch am Sonntagvormittag. Privat. Manchmal darf er zum Mittagessen bleiben. Enver wohnt in einem möblierten Zimmer an der meist befahrenen Kreuzung von Dubrovnik. Untauglich als Feriendomizil für ausländische Touristen. Er selbst sei noch nie im Ausland gewesen, sagt Enver. Italien und Spanien, wo die Fliesen herkommen, die er verlegt, würde er gern sehen. Und vor allem Istanbul. Bosnien gehörte fast 500 Jahre zum Osmanischen Reich. Aber Enver muss das sauer Verdiente für andere Ziele sparen. Seine Tochter sei zwar leidlich versorgt. »Sie arbeitet als Lehrerin«, sagt er stolz, »und hat sogar ein Auto.« Das braucht sie auch: Zwischen Wohn- und Dienstort liegen knapp 50 Kilometer.

Es ist daher vor allem sein Sohn, für den er sich so abschindet. Er hat Kriminalistik studiert, mit glänzenden Noten abgeschlossen, die Polizei nahm ihn trotzdem nicht. In Bosnien und Herzegowina sind Beziehungen und das richtige Parteibuch für eine Karriere häufig wichtiger als Kompetenzen und Diplome. Enver versuchte daher, seinem Sohn einen Job als Europa-Fernfahrer zu beschaffen. »Fliesen, Baustoffe, Möbel, Kühlschränke: Wir führen doch alles aus Europa ein. Vor allem aus Deutschland und Österreich. Und Brummifahrer verdienen bei uns mehr als Ärzte.« 30 000 bosnische Mark - 15 000 Euro - wollte der Vermittler. Enver hätte Schulden aufnehmen müssen. »Aber es ist nichts daraus geworden. Irgendjemand hat wohl noch mehr geboten.«

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