Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Kliniken zu Gesundheitszentren

Eine Reform in Frankreich will medizinische Wüsten beseitigen und strebt eine landesweit gleichrangige Versorgung an

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit der Gesundheitsreform, die Emmanuel Macron in der vergangenen Woche in einer Rede im Elysée-Palast vor Vertretern des Gesundheitswesens ankündigte, reagiert der Präsident auf die immer lauter werdenden Klagen über Missstände. Unter anderem wird die Regierung 400 Ärzte rekrutieren, die in »Notstandsgebieten« eingesetzt werden.

In seltener Übereinstimmung stellen seit Jahren sowohl Patientenvereinigungen als auch die Standesorganisation der Ärzte Ordre des Médecins fest, dass die Sparpolitik rechter wie linker Regierungen eine ungleiche ärztliche Versorgung und vor allem auf dem Lande regelrechte »medizinische Wüsten« zur Folge hatte. Unter dem Vorwand zu geringer Fallzahlen bei Operationen oder Geburten wurden seit den 1970er Jahren kleine Krankenhäuser geschlossen, was heute in Notfällen lange Fahrten bis zur Klinik in der nächsten größeren Stadt erfordert.

Die in Rente gehenden Ärzte auf dem Land finden kaum noch junge Nachfolger, denn soweit sich Studienabsolventen frei niederlassen wollen, zieht es sie an die Mittelmeerküste, nach Paris oder in andere Großstädte. Allein schon die Selbstständigkeit reizt immer weniger Berufseinsteiger. Immer mehr junge Ärzte suchen eine Anstellung an einer Klinik oder in einem Gesundheitszentrum der Zusatzkrankenkassen, mit festem Gehalt und ohne Risiko. Im Landesdurchschnitt kommen 153 Ärzte auf 100 000 Einwohner, auf dem Lande sind es oft weit weniger als 100. Darum rollen vielerorts Behörden und Krankenkassen den roten Teppich aus und bieten Medizinern zinslose Darlehen an. In manchen ländlichen Departements richten die Bürgermeister auf Kosten der Kommune Gesundheitszentren mit komplett ausgestatteten Praxen ein, um junge Ärzte anzulocken.

Ein Modell, das vom Gesundheitsministerium aufmerksam verfolgt wird und Schule machen könnte, hat sich in den Limousin-Departements Creuse und Corrèze herausgebildet. In dieser mit nur 12 Einwohnern pro Quadratkilometer extrem dünn besiedelten Landschaft »Plateau des Millesvaches« (Hochebene der 1000 Kühe) sollte vor Jahren ein zentrales Gesundheitszentrum mit Arbeitsplätzen für mehr als 20 Allgemeinmediziner und einige Fachärzte geschaffen werden. Doch wegen der dann nötigen langen Anfahrten, die besonders für Senioren problematisch wären, die hier mehr als die Hälfte der Patienten ausmachen, sperrten sich sowohl die Bürgermeister als auch die Ärzte vor Ort dagegen. Stattdessen wurde die Einrichtung von kleineren dezentralen Gesundheitszentren in drei Dörfern durchgesetzt. Die zum Netzwerk »Mille soins« (1000-mal Pflege) gehörenden Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen und Masseure fahren an unterschiedlichen Tagen der Woche reihum zu den Zentren, halten Sprechstunden ab oder führen Therapien durch. Alle Ärzte des Netzwerks sind per Internet miteinander verbunden, verwalten so ihre Dienstpläne und haben gleichen Zugang zu den Patientenakten. Rezepte werden per Mail an die nächstgelegenen Apotheken geschickt, sodass die Medikamente zur Abholung bereitgestellt werden können. Bei Bedarf erhalten Patienten diese ins Haus gebracht. Auch Hausbesuche der Ärzte vor allem bei alten Leuten gehören zu den selbstverständlichen Netzwerk-Leistungen.

Macron zufolge sollen künftig kleine Krankenhäuser auf dem Land nicht um jeden Preis geschlossen werden. Stattdessen sollen bis zu 600 von ihnen in Gesundheitszentren mit Allgemeinmedizinern und Fachärzten, mit Labor, Röntgenabteilung und Physiotherapie, aber auch mit einer kleinen bettenführenden Station umgewandelt werden. Die Zentren sollen eng mit den niedergelassenen Ärzten in der Umgebung kooperieren. So soll der tägliche Bedarf der Bevölkerung an »gewöhnlicher« medizinischer Versorgung ohne großen Aufwand für die Patienten gesichert werden. Der lange Weg zu den Kliniken in den größeren Städten bleibt dann die Ausnahme.

Die Zahl der zentralen Stadtkrankenhäuser oder Universitätskliniken soll auf 60 bis 70 begrenzt werden, dafür sollen diese mehr Geld und Personal bekommen. Eine wachsende Rolle wird auch die Telemedizin spielen, die Konsultation per Videokonferenz zwischen den ländlichen Gesundheitszentren und den Kliniken mit ihren spezialisierten Fachärzten. Die Kosten dafür werden seit Anfang September von der Sozialversicherung erstattet.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln