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Ein fremdes Handy

Dmitry Glukhovsky zeichnet ein krasses Bild des heutigen Russland und erreicht zuletzt die Spannung eines Thrillers

  • Von Karlheinz Kasper
  • Lesedauer: 3 Min.

Text« ist nach den Worten Dmitry Glukhovskys sein erster »ultra-realistischer« Roman, ein krasses Bild des gegenwärtigen Russland, das Elemente der psychologischen Prosa und des Krimis vereint.

Der Philologiestudent Ilja Gorjunow kehrt im November 2016 nach sieben Jahren aus dem Straflager zurück. Moskau hat sich inzwischen zu einem »Gemisch aus unvereinbaren Gebäuden, nicht zueinanderpassenden Menschen, entgegengesetzten Zeiten« verändert, während das nahe der Hauptstadt gelegene heimische Lobnja weiter vor sich hindämmert.

Ilja hat unschuldig in Haft gesessen. Bei einem Tanzvergnügen hatte ihm der Fahnder Petja Chasin, wegen eigener Sucht und Drogendeals im Frust, Kokain untergeschoben. Nach der Rückkehr will Ilja einfach »leben«, doch das Leben erweist sich als Sackgasse. Seine Mutter, eine alleinerziehende Lehrerin, ist zwei Tage zuvor gestorben. Vera, die große Liebe, hat sich von ihm abgewandt. Serjoga, der beste Freund, ist ihm fremd geworden. Ilja betäubt sich mit Wodka, ersticht Chasin mit einem Küchenmesser, nimmt ihm die Makarow und das Smartphone ab und wirft den Leichnam in die Kanalisation.

Das Smartphone mit 128 Gigabyte Speicherplatz aber hat den Text von Chasins Leben gespeichert. Je weiter Ilja sich durch die Nachrichten im Handy des Getöteten scrollt, desto mehr stülpt sich ihm dessen Identität über, werden Petjas Probleme zu seinen eigenen. Außerdem macht das fremde Handy Ilja erreichbar und zwingt ihn zur konspirativen Kommunikation mit Chasins Eltern, dessen schwangerer Braut Nina, der Drogenmafia und dem Inlandsgeheimdienst FSB.

Mit diesem Personenkreis rückt fast das gesamte soziale Gefüge des heutigen Russland, an der Spitze natürlich »der Zar«, in das Blickfeld des Lesers. Chasins Vater, stellvertretender Kaderleiter im Ministerium des Innern, der gerne mit Prostituierten die Sauna besucht, bekommt Konflikte mit dem FSB, der den Generalmajor zum Rücktritt zwingt und Petja unter seine Fittiche nimmt.

Nina, beim alten Chasin als Schwiegertochter unerwünscht, weil sie nicht der »Militärdynastie« angehört, weckt Iljas Sympathie. Als er erfährt, dass sie aus Verzweiflung Petjas Kind abtreiben lassen will, fühlt sich der Mörder schuldig und setzt alles daran, sie von diesem Schritt zurückzuhalten.

Im letzten Drittel erreicht der sprachlich virtuos erzählte Roman die Spannung eines Thrillers. Auf fast unvorstellbare Weise besorgt Ilja sich Geld, um wenigstens einen seiner Träume zu verwirklichen, nach Kolumbien zu fliehen oder die Mutter anständig zu beerdigen. Doch der allmächtige FSB sorgt dafür, dass weder das eine noch das andere gelingt. Iljas tragisches Ende symbolisiert die Ohnmacht des Einzelnen in einem korrupten Staat.

Glukhovsky erklärte in einem Interview mit der »Nowaja Gaseta«, den Anstoß zum Roman »Text« habe die gegenwärtige Lage in Russland geliefert, nicht zuletzt die Transformationen, die in den letzten Jahren vor allem in Moskau zu beobachten seien, der Sittenverfall, das Eindringen der »Gefängniskultur« in das Alltagsleben und die Aufweichung aller Vorstellungen von Gut und Böse.

Als Publizist ist Glukhovsky ein scharfer Kritiker des autoritären Systems in Russland. In einem Artikel in der »Zeit«, charakterisierte er Putin als einen »coolen Typ«, der aus Russland »eine private Firma gemacht« habe. In dessen Umkreis seien sämtliche Medien konzentriert, die sich »sowjetischer Propaganda-Archetypen« bedienten, indem sie die Politik als »Kampf zwischen Gut und Böse« darstellen.

Dmitry Glukhovsky, von Ray Bradbury, George Orwell und den Strugatzkis inspiriert, gehört heute zu den bekanntesten russischen Schriftstellern.

Er wurde 1979 in Moskau geboren und studierte Journalistik und Internationale Beziehungen an der He-bräischen Universität Jerusalem. Seine zwischen 2002 und 2016 entstandene Romantrilogie über eine postapokalyptische Welt im System der Moskauer Untergrundbahn (»Metro 2033«, »Metro 2034« und »Metro 2035«) wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und von mehreren russischen und ausländischen Autoren als ein gigantisches literarisches »Metro-Universum« fortgeschrieben.

Dmitry Glukhovsky: Text. Roman. Aus dem Russischen von Franziska Zwerg. Europa Verlag, 367 S., geb., 19,90 €.

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