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Schleier der Langeweile

Deutsches Nationaltheater Weimar: Demis Volpi inszenierte Mozarts »Don Giovanni«

Ein bisschen Fingerspitzengefühl genügte, um beim Durchsehen der »Giovanni«-Partitur zu bemerken, dass es um Konflikte in einer Epoche großer sozialer Erschütterungen geht. Diese unter den Tisch zu kehren, müsste sich ernsthaftes Musiktheater heute eigentlich versagen. Andernfalls Thema verfehlt. Die Konflikte in dem Werk, allgemeinmenschliche wie gesellschaftliche, sind ja nicht aus der Welt, sie schreien derzeit um vieles lauter. Die Weimarer Inszenierung, unbegreiflich, zeigt davon aber nichts. Sie setzt die Oper in eine marmorne Atmosphäre mit Palastgeruch, Feenreigentänzen, blumigen Häuptern, bunten Papiergirlanden, Flocken vom Himmel und Silvesterpartystimmung.

Mozart war vom adelskritischen Geist der Epoche angesteckt. Seinen Rausschmiss vom Hofe Salzburgs provozierte er so lange, bis ihn der aufgebrachte Graf Arco in den Arsch trat. Darüber hohnlachte eine Nachwelt. Seine Kanons wie »Leck mich am Arsch« und dergleichen können als Kommentare auf die schmarotzenden Priester und Fürsten gehört werden. Als Komponist und Freimaurer hob er die Ideen der Aufklärung auf den Schild. Was ist bloß in Regisseur Demis Volpi gefahren, der den Mozart auf die Bühne des Nationaltheaters Weimar gebracht hat?

»Don Giovanni« wäre vorzügliches Anschauungsmaterial für die sogenannte MeToo-Debatte um Geschlechterprobleme, bevor diese gänzlich auf den Hund kommt. An Da Pontes/Mozarts »Giovanni« lässt sich überzeugend darstellen, wer im Geschlechterduell eher den Kürzeren zieht: Giovanni, der Mörder wider Willen, oder die Frauen? Am DNT in Weimar fühlt er sich nicht nur bedrängt, er wird es. Umso Überraschenderes und Chaotischeres katapultiert Uwe Schenker-Primus als trefflicher Titelheld in die Vorgänge. Nicht die Vergangenheit, die Gegenwart treibt den revolutionären Draufgänger um. Seine Ehe mit Donna Elvira ist vergessen, während sie ihr in so tröstlichen wie zornerfüllten Arien nachjammert (Camila Ribero-Souza). Auch die Zofe Zerlina (Jolana Slavíková), inniglich geliebt von Masetto (Henry Neill), sucht heimlich die Brust des Verführers und macht ihrem Verlobten klar, dass es nicht nur ihn gibt. Don Giovannis umstürzende Erotik entfesselt die Frauenseele. Jedes Weib will ihn und darf es nicht wollen. Was immer er anstellt, ihm gehört die Sympathie.

Don Giovanni hält die Flamme weiblicher Sehnsucht wach, indem er sie dauernd anfacht. Er ist es, der sich Freiheit herausnimmt, statt sie zu knebeln. Und mutig ist er, er lädt sogar seinen Henker zum Saufen und Fressen ein, bevor der ihn zu den Höllenhunden schickt. Martin Schüler hat das in seinem Cottbuser »Don Giovanni« wunderbar herausgestellt. Hier indes walten die Schleier der Langeweile. Der Komtur ist kein eiserner Raubvogel oder holzgeschnitzter Riesenmensch, der schweren Schrittes seine posaunenbeschwerte, drohende Bass-Arie singt, bei Volpi ist er eine »Mücke«. Weiß der Teufel, warum. Mozart hat den »Steinernen Gast« ernst genommen. Die Inszenierung tut das nicht oder nur halbherzig. Sie steckt ihn in die Haut eines unschuldigen Jungen, dem, welch Irrwitz, die machtvoll in den Saal gehende Tonbandstimme des Komturs (Daeyoung Kim) geliehen wird. Das ist bloßer Effekt. Irgendwoher muss die widersinnige Idee ja kommen. So geht zuvor eine Handpuppe um im heiligen Gral des Volpi. Das Spiel des Jungen mit ihr, gute Idee, hätte noch Sinn, auch Donna Elvira spielt mit ihr, liebkost sie, als seien deren baumelnde Stoffbeine die ihres verlorenen Gatten. Das Kind als Komtur nimmt der drohenden Gefahr die Luft.

Die Wiedergabe der Staatskapelle Weimar, die anrührenden, auch zornigen Arien von Donna Anna (Heike Porstein), die Partien Don Otavios, besonders der herzhaften, energischen Tonfälle des Titelhelden, konnten die Schwächen der Aufführung etwas abmildern.

Die Kostüme (Tatyanavan Walsum) markieren die soziale Differenz nur unzureichend. Giovanni, anarchisch in Schwarz mit Weste, wirft sich, läutet er zum Fest (»Champa gner-Arie«), stets den weißen Fürstenkittel um. Da stimmt es noch. Leporello, mit dem weithin humorlosen Alik Abdukayumow besetzt, hätte es besser gestanden, wie der Papagei in Gelb zu singen. Die schlanke Anna rennt in High Heels und schwarzer Seide rum und singt sich vor lauter Rachsucht auf der Plattform die Seele aus dem Hals. Das mag angehen. Hingegen ist die Zerlina aus dem Volke mit ihrem Edelweiß am Leib den Edelfrauen gleichgemacht. Auf Schleichwegen wandelnd, setzt sie sich den Sinnenlüsten aus, entgegenfiebernd den Avancen und Zärtlichkeiten des furchtlosen Weiberhelden. Sämtlichen Figuren haften tragische Züge an. Und gerade die scheinen bei Volpi unterbelichtet.

Ein Draußen gibt es bei Volpi nicht, obwohl die Hauptfigur, Teil des antiabsolutistischen Adels, seine eigenen Räume weit mehr schätzt als die der Paläste. Nach dem Da-Ponte-Libretto wechselt er die Orte, zieht ins Freie, von Garten zu Garten, von Behausung zu Behausung, stürzend durch die Nacht. Hier ist er eingeklemmt in Marmor und hell im Licht. Dauernd muss er sitzen auf der Marmorbank, wo hundert Namenszüge seiner Eroberungen eingeritzt sind. Alle auf der Bühne müssen viel sitzen und dabei singen - dieser »Giovanni« hat die Wirren der Jetztzeit verschlafen. Das Weimarer Publikum feierte dies Museumsstück natürlich.

Nächste Aufführungen: 30. September, 6. und 18. Oktober.

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