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Zu viel gegessen, zu lange geduscht

Osteuropäische Pflegehelferinnen arbeiten oft in prekären Verhältnissen - das wird von der Politik aber ignoriert

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn Pflegebedürftige zu Hause wohnen bleiben sollen oder wollen, die Familien ihre Versorgung aber nicht absichern können, führt der Weg häufig zur sogenannten 24-Stunden-Pflege. Dabei kommen Hilfskräfte, meist aus Osteuropa, zum Einsatz. Diese Frauen wohnen dann im gleichen Haushalt, aber ihre Beschäftigung und soziale Absicherung bewegt sich häufig in einem Graubereich. Die Familien zahlen zwischen etwas über 1000 und 5000 Euro im Monat für diese Hilfen. Der in diesem Bereich entstandene, weiter wachsende Markt wird von der Pflegepolitik der Bundesregierung vollkommen ignoriert - so jedenfalls die einhellige Kritik einer Veranstaltung, die am Dienstag in Berlin stattfand. Eingeladen hatte das Deutsch-Polnische Zentrum für Rechts- und Verwaltungswissenschaften der Brandenburgischen Technischen Universität.

Claudia Menebröcker von der Caritas im Erzbistum Paderborn will im Einsatz der Helferinnen durchaus keine Win-win-Situtation sehen: »Es handelt sich hier eher um eine doppelte Notlage, in der Migrantinnen und Familien zusammengebracht werden.« Deshalb entschloss sich der katholische Wohlfahrtsverband, das Projekt CariFair zu starten, um wenigstens einem Teil der Pflegehelferinnen faire Arbeitsbedingungen zu verschaffen. An dem Projekt sind laut Menebröcker 15 von insgesamt 200 Verbänden und Diensten der Caritas in Deutschland beteiligt.

Von der polnischen Caritas wurde der Ansatz begrüßt, weil man der Meinung ist, dass die Frauen auf der Suche nach Arbeit auf jeden Fall nach Deutschland kommen würden und es besser wäre, sie zu unterstützen. In dem Projekt werden die Familien zu Arbeitgebern, bei allen Formalitäten unterstützen Koordinatorinnen des kirchlichen Trägers. Die Pflegehelferinnen kommen auf ein Nettogehalt von 1050 Euro im Monat. Steuern und Sozialabgaben werden in Deutschland abgeführt.

Die erwähnten Koordinatorinnen sind zweisprachig und begleiten die Frauen während des gesamten Arbeitsverhältnisses. Gefördert wird auch der Austausch unter ihnen. Genau das wird von privaten Anbietern eher unterbunden. Beratungsbedarf bestehe häufig bei rechtlichen Fragen oder bei Unzufriedenheit mit dem konkreten Einsatzhaushalt. Laut Caritas-Referentin Menebröcker helfen die Koordinatorinnen den Familien auch dabei, weitere Hilfestellungen zu finden, in der Tagespflege oder für die Freizeitgestaltung der Pflegebedürftigen. Das weist darauf hin, dass es sich hier wie in ähnlichen Beschäftigungsverhältnissen nie wirklich um eine 24-Stunden-Hilfe handeln kann.

Befremdlich wirkt, was laut Menebröcker zu den üblichen Konflikten in den Arbeitsverhältnissen mit innewohnenden Helferinnen gehört: »Es wird viel über die angemessene Essensmenge oder über die Dauer des Duschens gestritten.« Auch über die Einhaltung oder Ausweitung von Arbeitszeiten müsse häufig verhandelt werden. Die Verträge gingen über 38,5 Stunden pro Woche, aber schon eine Freizeit von elf Stunden über Nacht sei »utopisch«. Menebröcker kritisierte in diesem Zusammenhang Vermittlungsagenturen, die ihre Helferinnen als Selbstständige führten und so für die Arbeitszeitfrage jede Verantwortung abwiesen. Auch laut dem Theologen Jonas Hagedorn aus Frankfurt am Main liegt das grundlegende Problem in der extremen Ausdehnung der Arbeitszeit - das sei nicht nur ein rechtliches, sondern auch ein ethisches Problem.

Jedoch haben die Familien als Arbeitgeber im Caritas-Projekt monatlich 2300 Euro aufzubringen. Wie die Caritas sehen ebenso andere Akteure in dem Bereich die Notwendigkeit, dass die Politik endlich für den Bereich der häuslichen Pflegehilfen die Finanzierung stärkt. Ein richtiger Schritt wäre es schon, wenn Pflegesachleistungen auch für die Vergütung der osteuropäischen Helferinnen freigegeben würden. Ist der Großteil der Kosten aber weiterhin in Höhe von mehreren Tausend Euro monatlich von den Angehörigen aufzubringen, fördert das die Schwarzarbeit. Benedikt Zacher von der Plattform pflege.de kritisiert, dass das jetzt schon in 90 Prozent der beteiligten Haushalte die Regel sei.

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