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Faustgefühle

Schlagkräftige Erzählungen: Houssam Hamades Buch «Sich Prügeln»

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«Die Schläge waren hart, und trotzdem waren wir nicht darauf aus, uns körperlich zu verletzen. Es war mehr eine Art Kommunikation, und zwar eine ganz schön intensive», beschreibt Joanna, 31, wie sie mit ihrem damaligen Partner aneinandergeriet. Ein Aschenbecher flog und ein Hieb folgte auf den anderen. Solche Geschichten hat Houssam Hamade in Buch «Sich Prügeln» versammelt. Sie handeln von Grenzsituationen und von Gefahren, von der Eisenstange gegen den Kopf und dem Fuß in der Magengrube. In kurzen Abrissen erzählen die Protagonist*innen, wie es zu den Prügeleien kam und was diese mit ihnen anrichteten. Joanna weiß nun, wie viel sie aushalten kann. «Aber auch, dass es höchste Zeit war zu gehen.»

Es begegnen sich hier im Kampf Fremde und Familienmitglieder, Liebende oder Partygäste. Hamade lässt aber auch Menschen berichten, die sich noch nie geprügelt haben oder jene, die es nie wieder tun werden. Diese Kampfberichte haben einen ungemeinen Sog, obwohl sie recht kurz sind. Es scheint, als säßen die Erzählenden einem direkt gegenüber, und schilderten knallehrlich, warum und wann sie beschlossen haben andere zu schlagen - manchmal verschämt, einige mit Schuldgefühlen und Gewissensbissen, andere wiederum mit triumphalem Grinsen im Gesicht. Verstärkt werden diese intimen Erzählungen durch die expressiven Illustrationen von Marie Petri. Veröffentlicht hat Hamade das Buch im Eigenverlag, als Book on Demand, um möglichst große Freiheit in der Gestaltung zu haben. Es ist der erste Teil einer geplanten Buchreihe, die «Geschichten aus dem Leben» heißen soll. Darin erzählen Interviewte von erlebten Extremsituationen. Der nächste Band soll den Titel «Arschloch» tragen und von Geständnissen jener Momente handeln, in denen sich die Interviewten entschieden haben egoistisch zu handeln.

«Mich interessiert der Augenblick, in dem Menschen denken: ›Jetzt schlage ich zu!‹, sagt Hamade. »Ich will nicht sagen, dass es gut ist sich zu prügeln, sondern, dass es gut ist auf diesen Moment zu schauen und zu gucken, was genau da passiert«, so der 45-Jährige. Seiner Einschätzung nach resultieren Schlägereien oft aus Missverständnissen. »Jede Seite glaubt die zu sein, die sich wehren muss. Beide fühlen sich also angegriffen«, sagt er. Und dann schaukele sich das immer weiter hoch - bis es auch mal handgreiflich werden kann. Sich zu wehren kann laut Hamade manchmal eben doch gut sein: Nämlich dann, wenn man zu sich selbst steht, sich und andere verteidigt.

Prügeleien können ein Ende sein, oder ein Intermezzo, aber auch ein Anfang. Sie können Reue, anhaltende Angst, aber auch Stolz ausdrücken - beispielsweise wenn jemand für sich kämpft. So wie Lena, die als Kind von ihrer Adoptivmutter geschlagen wurde. Mit 14 Jahren wehrt sie sich und schlägt zurück - eine Befreiung: »Und das behalte ich bis heute bei. Ich lasse mich von niemandem unterdrücken oder schlagen. Ich habe ein wahnsinniges Gerechtigkeitsempfinden, und wenn sich jemand unfair oder gemein verhält, dann macht mich das sehr wütend«.

Hamade spricht auch aus eigener Kampferfahrung. Der in Reutlingen aufgewachsene Journalist und Sozialwissenschaftler hat sich nicht nur als Kickboxer im Amateur-Boxring geschlagen. Er war erst Heilerziehungspfleger und hat dann auch als Türsteher in Kreuzberg gearbeitet. Oft kam er in Situationen, in denen Gäste aggressiv wurden. Hamade lernte Zusammenstöße zu deeskalieren. Zwischen den persönlichen Tumultgeschichten in »Sich Prügeln« hat er auch mentale Techniken und Tipps aus der Kampfkunst eingestreut: Dazu gehören unter anderem das Anbrüllen, um sich in Kampfstimmung zu bringen und das Gegenüber einzuschüchtern. Ein Satz, der sticht: »Wer zuschlägt, muss Schaden anrichten wollen.« Oder auch: Erst ins Gesicht spucken und dann einen Kopfstoß versetzen. Die Techniken in »Sich Prügeln« können aber auch verwendet werden, um Schlägereien zu entgehen; es geht in dem Buch also ebenfalls darum, wie man sich möglichst nicht prügelt.

Eine dieser Techniken konnte auch bei der Buchtaufe am Donnerstagabend im Kreuzberger L.U.X. ausprobiert werden: Beim Fiesguckwettbewerb gewann die Person, die so garstig dreinschaut, dass sich mit ihr sowieso niemand anlegen will.

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