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Der schönste Tag des Jahres

In Hamburg haben Zehntausende gegen Rassismus und die deutsche Asylpolitik demonstriert

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ob sie aufgeregt sei? Klar, aber vor allem freue sie sich. »Wir haben uns so lange darauf vorbereitet«, sagt Nevroz Duman und lacht. »Heute wird der schönste Tag des Jahres.« Seit den frühen Morgenstunden ist die Aktivistin auf dem Hamburger Rathausmarkt. Normalerweise drängeln sich hier am Samstag Wochenendeinkäufer*innen und Tourist*innen. Heute ist der bekannte Platz Startpunkt einer antirassistischen Parade des »We’ll Come United«-Bündnisses.

Bis kurz vor dem Start wird gebastelt, gezimmert und gehämmert. Aus Boxen dröhnt laute Musik. Ein Rettungsboot wird über den Platz gezogen. Nevroz Duman wuselt um einen Truck herum, gibt eine kurze Anweisung durch ihr Smartphone, umarmt eine Aktivistin. Bei der 29-Jährigen laufen viele Fäden zusammen. Am Rande des Gewusels sagt Duman: »Das Problem heißt nicht Migration, sondern Rassismus. Alle, die hier sind, sind auch von hier.« Duman weiß, wovon sie spricht: Im Jahr 2002 floh sie über das Mittelmeer von Kurdistan nach Deutschland. Heute lebt sie in Hanau und ist bei der Gruppe »Jugendliche ohne Grenzen« aktiv. Sie meint: »Chemnitz war kein Einzelfall, das passiert täglich. Dagegen müssen wir uns wehren.«

Duman war auch dabei, als im Herbst 2016 Geflüchtete aus ganz Deutschland begannen, sich zu organisieren. Das war die Geburtsstunde von »We’ll Come United«. Der Zusammenschluss von selbstorganisierten Geflüchteten, Willkommensinitiativen und antirassistischen Gruppen trat im vergangenen September zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung. 10 000 Menschen zogen mit einer Parade für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte durch Berlin. Seit Monaten mobilisieren die Aktivist*innen nun nach Hamburg. Doch warum eigentlich?

»Unsere alltägliche Arbeit ist oft unsichtbar. Wir wollen, das was bundesweit passiert, zusammenbringen und an die Öffentlichkeit tragen«, meint Duman. Die Forderungen: Ein bundesweiter Abschiebestopp, sichere Fluchtwege, gleiche Rechte für alle - und der Rücktritt von Innenminister Horst Seehofer. Die Parade in Hamburg bildet den Auftakt des »Herbstes der Besetzungen«, den soziale Bewegungen angekündigt haben. Nach den Seebrücken-Protesten im Sommer, bei denen Zehntausende gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung auf die Straße gingen, soll nun ein Zeichen gegen den Rechtsruck und die deutsche Asylpolitik gesetzt werden.

Am Vormittag versammeln sich immer mehr Menschen auf dem Rathausmarkt. Pünktlich zum Start lässt sich auch die Sonne kurz blicken. Eine Melange aus orientalischer Musik, Reggae und elektronischen Klängen schallt über den Platz und übertönt sogar die Kirchenglocken. Mit leichter Verspätung setzen sich mehr als 40 Wägen in Bewegung.

Neben einem Wagen läuft Baghlani Hassibullah. Am Morgen hat er sich mit 20 Mitstreiter*innen aus Potsdam auf den Weg in die Hansestadt gemacht. Hassibullah kommt eigentlich aus dem Nordosten von Afghanistan. Im Jahr 2016 floh er vor dem Krieg - erst nach Bulgarien, dann nach Österreich. Seit gut zwei Jahren lebt er in Brandenburg. Der gelernte Fachinformatiker hat mittlerweile eine Aufenthaltserlaubnis und einen Job in einem Hotel. Ehrenamtlich arbeitet er in einem afghanischen Kulturverein. Viele seiner Freunde hatten weniger Glück. »Viele Leute warten zum Teil seit fünf Jahren auf ihre Aufenthaltserlaubnis und können nicht arbeiten.« Die drohende Abschiebung führe bei vielen zu schweren psychischen Problemen. »Es ist doch klar, dass die Leute verrückt werden.«

Wenn Hassibullah über die Situation in Afghanistan spricht, bebt seine Stimme: »Was ist nur los mit der deutschen Regierung? In meinem Land herrscht Krieg, jeden Tag sterben Menschen - und es wird darüber diskutiert, Menschen dorthin abzuschieben.« Doch auch in Deutschland gebe es viele Probleme. Vor allem Rassismus mache ihm zu schaffen. Ein Beispiel? Erst heute am Potsdamer Hauptbahnhof wurde seine Reisegruppe von einem Mann angespuckt. Doch genau deshalb sei es wichtig, auf die Straße zu gehen. Und die heutige Parade mache ihn sehr glücklich. Hassibullah lacht und sagt: »Im nächsten Jahr gehen wir mit 200 000 Menschen auf die Straße.«

Hinter einem anderen Wagen läuft ein junger Mann aus Eritrea, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Aus Eritrea sei er geflohen, weil er nicht in die Armee eingezogen werden wollte. Das ostafrikanische Land wird mit harter Hand regiert, für viele junge Leute gebe es keine Alternative als zu flüchten. Über den Sudan sei er nach Libyen gekommen. Seine Schwester sitze wie hunderttausend Andere immer noch in Libyen fest. Der Familiennachzug wird von den deutschen Behörden behindert - oft verlangen sie Dokumente, die es in Eritrea gar nicht gibt.

Salah Zater hat in Libyen als Fernsehjournalist und Menschenrechtsaktivist gearbeitet. Für seine kritischen Berichte wurde er verfolgt. »Ich habe meine Meinung gesagt und musste daraufhin das Land verlassen.« Seit vier Jahren lebt er in Deutschland. »Aber das bedeutet nicht, dass es mir hier gut geht. Es gibt viele Probleme.« Rassismus sei eins davon, aber auch Bürokratie und Willkür machten das Leben in Deutschland schwierig. Vielen Geflüchteten würde der Zugang zu Universitäten verwehrt. Vor einiger Zeit gründete Zarter deshalb den Verein »Silent University«, der Geflüchteten dabei helfen soll, ein Studium zu beginnen.

Es sind diese Menschen und Geschichten, die bei der Parade in Hamburg im Vordergrund stehen - und sie besonders macht. Duman meint: »Oft kommen Migrant*innen nicht zu Wort. Das ist bei uns anders.« Zwar würde es bei »We’ll Come United« manchmal länger dauern, alles in fünf Sprachen zu übersetzen, aber dafür würden alle miteinbezogen werden.

Die Parade, die laut Veranstalter*innen auf 30 000 Menschen anwächst, endet auf der Hafenstraße. Dort, wo die Polizei vor einem Jahr gewaltsam eine Anti-G20-Demonstration niederschlug, dampfen nun die Kochtöpfe. Auf mehreren Bühnen finden Konzerte und Vorträge statt. Eine Gruppe Kinder spielt auf der Straße Fußball. Auch für Duman endet hier ein langer Tag. Wie sie sich die Zukunft vorstelle? »Wir brauchen einen Aufstand. Einen Aufstand der Solidarität.«

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