Brexit schadet der britischen Gesundheit

Ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU könnte dem Gesundheitssystem des Landes den Rest geben

  • Von Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 3 Min.

In Großbritannien herrschte diesen Sommer eine ungewohnte Anspannung. Zwei Worte geisterten mit zunehmender Regelmäßigkeit durch den Politbetrieb: No Deal (Keine Einigung), also das Scheitern der Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien und der daraus folgende chaotische EU-Austritt im kommenden Frühling. Unternehmerverbände, Gewerkschafter, EU-Mi-granten und Handelsfirmen warnten vor den katastrophalen Folgen, die ein solches Szenario haben würde. Besonders eine interne E-Mail des staatlichen Gesundheitsdiensts NHS, die Ende August an die Öffentlichkeit geriet, beunruhigte die Menschen. Darin warnten Vertreter aus dem Gesundheitswesen, dass ein ungeordneter Austritt Großbritanniens aus der EU Engpässe bei Medikamenten und medizinischen Geräten verursachen könnte. Laut einem Analysten der Stiftung Nuffield Trust, die sich auf Gesundheit spezialisiert hat, wäre in diesem Fall »ein erhebliches Maß an Chaos« unvermeidlich.

Doch der No-Deal-Brexit wäre lediglich ein letzter Todesstoß: Das Gesundheitswesen wird unabhängig vom EU-Austritt schon länger zugrunde gewirtschaftet. Die NHS-Krise ist seit Jahren ein beherrschendes Thema in der britischen Politik - und sie wird immer schlimmer. Der Kern des Pro-blems ist eine Finanzklemme, die seit über acht Jahren anhält. Schon länger steigen die Ausgaben für das Gesundheitswesen. Doch die konservativen Regierungen von David Cameron und Theresa May kürzten immer wieder die Mittel für das Gesundheitswesen, das in Großbritannien über Steuermittel finanziert wird. So meldete NHS England, dass sein Defizit auf 4,3 Milliarden Pfund (4,8 Milliarden Euro) angewachsen ist.

Vermutlich wird die Lücke zwischen Einnahmen und Ausgaben noch größer werden. Laut dem Thinktank King’s Fund werden die Kosten aufgrund der Inflation und des demografischen Wandels bis 2022 auf mindestens 153 Milliarden Pfund pro Jahr anwachsen. Doch will die Regierung dann nur 128 Milliarden Pfund pro Jahr bereitstellen.

Die gravierendste Folge ist eine Knappheit an Krankenpflegern und Ärzten. Über 100 000 Stellen sind im Gesundheitswesen unbesetzt. »Der weit verbreitete und steigende Mangel an Krankenpflegern wächst sich zu einem landesweiten Notstand aus«, sagt Siva Anandaciva vom King’s Fund. Dadurch werden die Wartezeiten für medizinische Eingriffe immer länger. Weit mehr als vier Millionen Patienten warten auf eine Operation, immer mehr von ihnen mehr als 18 Wochen, was der vorgesehenen maximalen Wartezeit für Routineoperationen wie Knie- oder Hüftersatz entspricht. Da erstaunt es kaum, dass das britische Gesundheitssystem in einem Vergleich der Industriestaatenorganisation OECD mit 21 anderen OECD-Ländern denkbar schlecht abschneidet. »Wenn die 21 Länder in einer Fußballliga wären, dann würde sich Großbritannien in Bezug auf die Ressourcen, die wir in unsere Gesundheitsversorgung stecken, in der Abstiegszone bewegen«, so Anandaciva.

Ein Problem für den klammen NHS sind auch die steigenden Medikamentenpreise. Im Haushaltsjahr 2010/11 gab der Gesundheitsdienst in England 13 Milliarden Pfund für Arzneimittel aus, sechs Jahre später waren es über 17 Milliarden Pfund. Im Frühling warnte der King’s Fund, dass es zu einer Situation wie in den 1990er Jahren kommen könnte, als der Kostendruck den Zugang der Patienten zu notwendigen Medikamenten gefährdet hatte.

2017 gründeten Patienten wegen der hohen Medikamentenpreise die Kampagne Just Treatment. Sie übt Druck auf Pharmakonzerne aus, ihre Arzneien zu Preisen zu verkaufen, die sich der NHS leisten kann. Die Aktivisten fordern auch mehr Transparenz. Sie wollen, dass etwa öffentlich gemacht wird, wie viel öffentliches und privates Geld in die Entwicklung eines Medikaments fließt, wie viel die Konzerne für Marketing ausgegeben und wie sie ihre Preise berechnen. Die Kampagne hat indes schon Erfolge erzielt: Zunächst wurde ein Krebsmedikament des Pharmariesen Pfizer, das pro Pille rund 140 Pfund kostete, wegen des Preises vom NHS zurückgewiesen. Aufgrund des öffentlichen Drucks senkte Pfizer dann den Preis, und die Arznei wurde zugelassen.

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