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Verwirrung, Befreiung

Esther Gerritsen über eine Frau, die alles unter Kontrolle haben will, doch dann …

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Kostbares Porzellan wird in jenem Familienunternehmen hergestellt, das Olivia als Leiterin Finanzen sanieren will. Porzellan wird nicht zerschlagen in diesem Roman, den die niederländische Autorin Esther Gerritsen, Jahrgang 1972, jetzt auf Deutsch vorgelegt hat. Aber wie es Krisen so an sich haben, sie weiten sich aus, und nacheinander, ja gleichzeitig oft, hat nichts mehr Geltung, was einst Gewissheit war.

Es ist ja schon ein literarisches Muster: Wenn wir zu Beginn eines Romans einer oder einem Erfolgreichen begegnen, erwarten wir Schlimmes für sie oder ihn. Weil das Erfolgreich-Sein eben seinen Preis hat, weil da anderes vernachlässigt wird, beginnend mit der eigenen Gesundheit. »Hoffart kommt vor dem Sturz und Hochmut vor dem Fall«, heißt es schon im Buch der Sprüche Salomos aus dem Alten Testament. Vergiss also nie deine Angreifbarkeit, hüte dich vor Selbstüberschätzung, versuche, die Balance zu halten.

Olivia im Roman ist sich keines Fehlers bewusst. Sie strengt sich an, ihrer Arbeit und ihrer Familie gerecht zu werden. Ihr eigenes Leben meint sie, unter Kontrolle zu haben. Verantwortungsbewusst ist sie durch und durch. In diesem Sinne handelt sie auch, als ihr älterer Bruder Marcus sich plötzlich nach Jahren aus dem Krankenhaus meldet. Ihm würde gleich ein Bein amputiert, weint er ins Telefon. Sie muss zu einem Meeting mit den Gesellschaftern der Firma, verlässt es aber Hals über Kopf. Der Schmerz des Bruders ist ihr wichtiger in diesem Moment.

Der tröstliche Spruch, dass Krisen Chancen bergen, wird weder Olivia noch Marcus in diesem Moment eingefallen sein. Als anwesende Leserin konnte ich mir lange nicht vorstellen, dass er sich hier erfüllt. Der beinamputierte Bruder, die besorgte Schwester, die ihn mit in ihre Wohnung nimmt, ohne das mit der Familie beraten zu haben - das kann eigentlich nicht gut gehen. Aber nur das sei hier verraten: Die Autorin dreht die turbulente Handlung so, dass sogar weiträumiger noch Veränderungen zum Guten eintreten. Was unerwartet kommt, aber auch damit zu tun hat, dass Olivia irgendwann wirklich mit ihrer Kraft am Ende ist.

Um sie geht es, Marcus bekommt ja sein Bein nicht zurück. Indes …

In Erinnerung kam mir, was ich bei dem tuwinischen Schriftsteller Galsan Tschinag über schamanische Heilkunst gelesen habe. Die leidende Person muss erschüttert werden, sozusagen in ihrer Ganzheit zerlegt, ehe sich in der Gesundung wieder eine Harmonie herstellen lässt. Ein Weg aus der Verwirrung, bei dem etwas losgelassen werden muss - zuzulassen ist, um seelisch befreit zu werden. Das erleben wir hier - fern von jeglichen Erklärungen, nur durch nachvollziehbare Wendungen der Handlung. Derer gibt es viele. Der Tanz durch Olivias Leben mag Lesern gut tun.

Esther Gerritsen: Der große Bruder. Roman. Aus dem Niederländischen von Gregor Hens. Aufbau Verlag. 132 S., geb., 18 €.

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