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Strategisch benutzt

Jüdische Parteimitglieder sollen in der AfD im antimuslimischen Kulturkampf missbraucht werden, meint Marcus Funck

  • Von Marcus Funck
  • Lesedauer: 3 Min.

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Wenn sich am Sonntag in Wiesbaden die handverlesene Gruppe »Juden in der Alternative für Deutschland« formiert, dann könnte man dies als eine normale Sache abtun. Denn warum sollte es unter Juden keine Rechten geben? Doch befinden wir uns in Deutschland, wo Judenfeindschaft zur Grundausstattung rechten Gedankenguts gehört. So müssen sich die jüdischen AfD-Anhänger durchaus fragen lassen, ob ihnen klar ist, welchen Positionen sie damit eine Legitimationsgrundlage liefern.

Spätestens seit Frauke Petry die AfD zur »Garantin« jüdischen Lebens in Deutschland erklärt hat, wirbt die Partei offensiv um jüdische Stimmen. Zwar ist die Zahl der jüdischen AfD-Mandatsträger verschwindend gering, doch geht es nicht um Quantität, sondern um die Annäherung der weit auseinander liegenden Welten einer in Teilen nationalistisch-völkischen Partei und der jüdischen Gemeinden in Deutschland. In dieser inszenierten Nähe zum Judentum liegen für die AfD bedeutsame strategische Verwertungsmöglichkeiten.

Nach ihrer heuchlerischen Argumentation kann eine Partei, die Juden in ihren Reihen hat und ostentativ sichtbar macht, keine rechtsradikalen oder gar judenfeindlichen Tendenzen in sich tragen. Und wie kann eine Partei die Grundlagen des demokratischen Systems und der offenen Gesellschaft gefährden, wenn diese das Judentum stärkt, dessen Wohlergehen nach dem Holocaust als Ausweis einer funktionierenden pluralen Demokratie verstanden wird?

Dabei positioniert sich die AfD als Bollwerk gegen den muslimischen Feind, zu Hause wie in Nahost. Sie greift tatsächlich existierende Ängste in Teilen der jüdischen Bevölkerung auf und wendet das primitivste aller Strategeme an, nach dem der Feind meines Feindes mein Freund sei. Müßig zu erwähnen, dass das noch immer schief gegangen ist. Neben der antimuslimischen Hetze dienen als Köder wohlfeile Bekenntnisse zu Israel als jüdischem Staat (die tags darauf relativiert oder zurückgenommen werden) oder die aberwitzige, weil historisch grundfalsche Inkorporation des Judentums in die Konstruktion vom christlichen Abendland.

Lang ist die Liste der Problemfelder, die nicht nur, aber eben auch deutsche Juden aufhorchen lassen sollten: Bewusst hält die AfD die Flanke zum politischen Rechtsextremismus offen, darf der Höcke-Flügel munter »Bewegung« spielen. Eines ihrer zentralen gesellschaftspolitischen Themen ist die Revision etablierter geschichtspolitischer Standards, im Klartext: Aufwertung der deutschen Nationalgeschichte auch über 1933 hinaus bei gleichzeitiger Relativierung der Verbrechen des Nationalsozialismus inklusive des Judenmords mittels Schrumpfung auf die Größe eines Vogelschisses.

Beides wiederum ist verbunden mit der Forderung nach einer »erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad«, also einer Umkehrung der zäh erkämpften Errungenschaften einer verantwortungsbewussten demokratischen Erinnerungskultur. Die AfD duldet offen antisemitische Parteimitglieder wie den baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon. Und in den schmutzigen Ecken der sozialen Medien lässt sich ohne großen Aufwand der von Mitgliedern und Sympathisanten der AfD hinterlassene antisemitische Unrat täglich aufs Neue besichtigen.

Ein Blick in Partei- und Wahlprogramme oder auf Parteitagsdiskussionen sollte selbst rechten Juden die Augen öffnen. Elementare Riten (auch) des jüdischen Glaubens - Knabenbeschneidung und Tierschächtung - werden pauschal in Frage gestellt, Verbotsfantasien ernsthaft diskutiert. Dies ist Ausdruck einer tiefen Verachtung für religiöse und kulturelle Differenz, die sich jederzeit nach allen Richtungen erweitern lässt. Das völkische Kollektiv erträgt derlei Abweichung höchstens in einer staatlich definierten und zugewiesenen Form des religiösen Bekenntnisses und reduziert das Grundrecht auf religiöse und kulturelle Selbstbestimmung auf einen stets revidierbaren staatlichen Gnadenakt.

Juden in der AfD müssen sich fragen, ob ihre real begründeten oder ressentimentgeladenen Vorbehalte gegenüber Muslimen als Klammer ausreichen, um einer Partei als wirkmächtiges Symbol zu dienen, die sich lautstark einer als homogen konstruierten (nichtjüdischen und nichtmuslimischen) Mehrheit verpflichtet sieht. Als Juden sind sie der AfD von bestenfalls strategischem Interesse: als nützliche Idioten im antimuslimischen Kulturkampf.

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