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Neustart nach der Katastrophe

Die Teilung Deutschlands hatte ihre Wurzeln auch in der Revolution von 1918.

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Wenn es einen Zeitpunkt gegeben hat, zu dem in besonderem Maße Anlass gegeben war, über Verlauf, Resultate und Fernwirkungen der deutschen Novemberrevolution von 1918 nachzudenken, so war dies das Jahr 1945. Zwar lag es damals näher, Schlussfolgerungen aus der 1933 erfolgten Machtübertragung an den Hitlerfaschismus, deren Ursachen und Folgen zu ziehen. Aber all das wurzelte schließlich in den Ergebnissen des Ersten Weltkrieges und der durch ihn ausgelösten Revolution. Dem deutschen November ’18 war es zu danken, dass die von Fortschrittskräften lange herbeigesehnte deutsche Republik entstand. Deren Neubegründung machten nach der Befreiung vom Faschismus alle politischen Richtungen in Deutschland zum Ausgangspunkt ihres Handelns.

Bei allem, was das besiegte und besetzte Land 1945 vom Deutschland des Jahres 1918 unterschied, gab es auch Parallelen. Wiederum ging es um den Übergang von der Kriegsniederlage in eine friedliche Nachkriegszeit, um die Frage, welche Konsequenzen zu ziehen sind, damit sich der Weg in die Katastrophe nicht wiederholt, welche Eingriffe in Politik, Ökonomie und Kultur notwendig sind und wer berufen ist, den politisch bestimmenden Einfluss auszuüben. Deshalb soll ein Blick auf die unmittelbar nach der Kapitulation Nazideutschlands entwickelten programmatischen Orientierungen der sich wieder- oder neugründenden Parteien und auf Statements ihrer führenden Männer geworfen werden; Frauen waren in richtungsweisenden Spitzenpositionen nicht präsent.

Die sich in Berlin neugründenden liberalen Demokraten haben sich in ihrer offiziellen Programmatik nicht an Erfahrungen der Novemberrevolution orientiert. Hingegen hat sich der Parteivorsitzende Wilhelm Külz recht oft mit den Lehren der Novemberrevolution und der aus ihr hervorgegangenen Weimarer Republik befasst. Er war sich der Defizite der Weimarer Demokratie bewusst, die er aber eher an fehlender demokratischer Gesinnung der Bevölkerung als an den unangetasteten Machtpositionen reaktionärer Kräfte festmachte.

Auch in den programmatischen Dokumenten der CDU (West) finden sich keine Bezüge auf die Erfahrungen und Fernwirkungen der Novemberrevolution. Konrad Adenauer bejahte die geordneten autokratischen Zustände des deutschen Kaiserreiches, dem «die Möglichkeit und die Zeit zu einer ruhigen Evolution in Richtung auf eine echte Demokratie versagt» geblieben wäre. Für ihn erwuchsen die Schwächen der Weimarer Republik nicht aus den Halbheiten der Revolution, sondern vor allem aus äußeren Bedingungen. Er hielt unverrückbar an zwei historischen Urteilen fest: an seiner vehementen Ablehnung der Revolution und an seiner scharfen Verurteilung des «Diktates von Versailles». Adenauers Einstellung hat die 1949 gegründete Bundesrepublik dahingehend geprägt, dass sie sich - anders als Frankreich - bis heute nicht selbstbewusst zum revolutionären Ursprung der Republik bekennt. Alljährlich erlebbar am 9. November.

Hingegen wurde in der ersten programmatischen Verlautbarung der CDU (Ost) ein Bezug auf die Novemberrevolution nicht gänzlich übergegangen. Im Aufruf vom 26. Juni 1945 hieß es: «Nach 1918 rettete die politische Führung Organe des staatlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens aus dem militärischen Zusammenbruch. Unzerstörte Städte und Dörfer, Fabriken, Werkstätten, Felder und Wälder blieben als Grundlage für einen allmählichen Aufstieg des Volkes erhalten.» Hier wurde vor allem die ungleich schwierigere Situation des Jahres 1945 hervorgehoben.

Wiederholt ist der CDU-Parteivorsitzende Jakob Kaiser auf die Geschehnisse von 1918 zu sprechen gekommen, wenngleich ohne historischen Tiefgang. Er mied die Bezeichnung Revolution und redete vom «Zusammenbruch von 1918». Er verkündete das «Zeitalter des werktätigen Volkes unter dem Erlebnis der Begegnung mit dem vom Willen des werktätigen Volkes geformten Rußland». In diesem Kontext propagierte er einen christlichen Sozialismus.

Für die bayrische Christlich-Soziale Union bildeten die Erfahrungen von 1918/19 keinen Anstoß zur Besinnung, obwohl die Existenz der Bayrischen Räterepublik dazu hätte Anlass geben können. 1918 habe den Weg zur «Verpreußung» eröffnet. Bayern müsse einen Damm «gegen das Vordringen des russischen Neuheidentums» bilden, hieß es. Das Gespenst der Räter saß wohl so manchem CSU-Mann noch im Nacken.

Die Partei, die in besonderem Maße Grund hatte, über Gewinn und Verlust des Umbruchs von 1918/19 nachzudenken, war die SPD, denn sie war durch die Volkserhebung in die Regierungsverantwortung getragen worden und hatte wesentlichen Einfluss auf die Ausgestaltung der ersten deutschen Republik genommen. Nach der Befreiung vom Faschismus war sie allerdings die erste Partei, die offen eine organisatorische Trennung nach Besatzungszonen vollzog und in der die zwei Zentralen - Berlin beziehungsweise Hannover - den Führungsanspruch erhoben.

Hatte der Berliner Zentralausschuss der SPD in seinem Aufruf vom 15. Juni 1945 keinen direkten Bezug zu den Erfahrungen der Novemberrevolution hergestellt, so tat dies dessen Vorsitzender Otto Grotewohl im ersten Nachkriegsjahr mehrfach. Er registrierte «zwei große Fehler. Der erste sei »die Nichtbeachtung der schwerkapitalistischen Aufrüstung gegen die Demokratie«, und der zweite »die mangelhafte Organisation der Abwehr«. Er folgerte: »Die aus der Uneinigkeit der Arbeiterschaft entstandenen Fehler von 1918 dürfen niemals wiederholt werden.«

Auch sein Gegenspieler Kurt Schumacher in den Westzonen erinnerte an die Novemberrevolution. Die Weimarer Republik betrachtete er allerdings nicht als »Ergebnis der Revolution, sondern der Niederlage«. Da für ihn die SPD die einzige Partei war, die sich keine wesentlichen Fehler vorzuwerfen habe, bestand für eine kritische Analyse der eigenen Politik keine Notwendigkeit. Aus den Ereignissen von 1918/19 bezog er vor allem Argumente, um zu begründen, weshalb sich die Hauptstoßrichtung der Sozialdemokratie gegen die UdSSR und die KPD richten müsse.

Mit Abstand am stärksten waren die Erfahrungen der Novemberrevolution in den strategischen Neuorientierungen der KPD präsent. Eine ihrer zentralen Schlussfolgerungen und Appelle lautete: »Keine Wiederholung der Fehler von 1918!« Schon im Aktionsprogramm für einen Block der kämpferischen Demokratie vom Oktober 1944 hatte es abschließend geheißen: »Was die demokratischen Kräfte 1848 durch verhängnisvolle Schwäche nicht vermochten und was 1918 frevelhafter Weise unterblieb, das muss nun endlich zur Lösung gebracht werden: eine wirkliche Demokratisierung Deutschlands!«

Zunächst dominierte die Auffassung, dass der Zweite Weltkrieg wie der Erste mit einer revolutionären Erhebung hätte beendet werden können. Die unter den Bedingungen der faschistischen Diktatur in Deutschland wirkenden Kommunisten waren sich darüber im Klaren, dass zunächst eine antiimperialistische, eine antifaschistisch-demokratische Umwälzung auf der Tagesordnung stand. Diese war für sie jedoch nur das Präludium für die »Errichtung der Macht der Arbeiterklasse als Diktatur des Proletariats«.

Je stärker sich aber das Ende der Nazidiktatur abzeichnete, desto deutlicher wurde, dass die Befreiung von außen kommen und Deutschland ein besiegtes und besetztes Land sein werde. In dieser Situation orientierte die von Moskau aus agierende KPD-Führung darauf, die antifeudale, bürgerlich-demokratische Revolution mit einer antifaschistischen und demokratischen Umwälzung zu Ende zu führen und eine demokratische Republik neuen Typs als Boden für die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft zu schaffen. Der 27. Jahrestag der deutschen Novemberrevolution und der 28. Jahrestag der Oktoberrevolution in Russland boten sich damals zum Vergleich an, weshalb die Revolution unter Führung der Bolschewiki gesiegt und warum die deutsche Revolution eine Niederlage erlitten habe. Walter Ulbricht benannte Halbheiten der deutschen Revolution, die zur Aushöhlung der Weimarer Demokratie und ihrem Untergang führten, vernachlässigte jedoch deren Errungenschaften. Pauschal nannte er das Fehlen einer »revolutionären Partei neuen Typus« den »Generalfehler«. Die von Rosa Luxemburg kritisierten Entgleisungen der russischen Revolution standen nicht zur Debatte. Dies wäre von der sowjetischen Besatzungsmacht auch nicht geduldet worden.

Grundsätzlich trugen Kommunisten und linke Sozialdemokraten dazu bei, die Novemberrevolution im Bewusstsein vieler Ostdeutscher als traditionsstiftenden Höhepunkt deutscher Geschichte zu verankern. Das sollte sich bei der doppelten Staatsgründung 1949 bestätigen. Während die Regierungserklärung des ersten Bundeskanzlers, Adenauer, jeglicher historischen Dimension entbehrte, gehörte in der Regierungserklärung des ersten Ministerpräsidenten der DDR, Grotewohl, die Bezugnahme auf die Novemberrevolution, auf deren tatsächliche oder vermeintliche Lehren, zum historisch-politischen Selbstverständnis.

Die vier Jahrzehnte währende deutsche Zweistaatlichkeit ist auf eine ganze Reihe äußerer und innerer Ursachen zurückzuführen. Eine der Ursachen erwuchs jedoch aus den unterschiedlichen Antworten in Deutschland-Ost und Deutschland-West auf die Frage: Welche Konsequenzen sind aus der Novemberrevolution zu ziehen?

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