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Glücklich ohne fette Rendite

Eine Bank, die keine ist: Die Genossenschaft Oikocredit unterstützt mit den Geldanlagen ihrer Kunden sozial wirtschaftende Unternehmen.

  • Von Ulrike Gramann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Da ist mir aufgegangen, wie gut ich es habe.« Diesen Satz hört man oft von Menschen, die sich bei Oikocredit engagieren. Zum Beispiel von Jan-Gerd Dierks aus Braunschweig, heute Rentner, in den Achtzigern als Ingenieur unter anderem in Ägypten tätig. Unter wie harten Bedingungen arbeiteten die Menschen, und doch konnten sie kaum davon leben. Er spendete einer Kinderhilfsorganisation einen Wochenlohn. Was sonst könnte er tun? Im Weltladen Braunschweig, wo seine Ehefrau mitarbeitete, wurde er auf eine internationale Genossenschaft für ethische Geldanlagen aufmerksam: Oikocredit.

1995 legte Dierks zunächst den Mindestbetrag an, 500 niederländische Gulden, denn der Hauptsitz von Oikocredit befindet sich im niederländischen Amersfoort. Heute zahlt man Euro ein, Minimum: 200. Dierks dachte: »Wenn’s weg ist, war es eben Spende.« Wie alle Mitglieder trat er einem regionalen Förderkreis bei, dem FK Niedersachsen/Bremen. Er wurde Kassenprüfer, ein kleines Ehrenamt neben dem Beruf.

Woher kam Oikocredit eigentlich, fragte er sich. Schon 1968 brachten Kirchenmitglieder bei der Versammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen zur Sprache, wie die Kirchen ihr Geld anlegen. Engagierte Christ*innen forderten, dass große europäische und nordamerikanische Kirchen Gelder so anlegen sollten, dass sie Frieden, Entwicklung und Gerechtigkeit fördern. Doch als Oikocredit 1975 gegründet wurde, legten Kirchen nur wenig Geld dort an. Seit die Genossenschaftssatzung verändert wurde, können auch Einzelpersonen Genossenschaftsanteile erwerben, über Förderkreise, die als Treuhänder fungieren. Der FK Niedersachsen/Bremen, gegründet 1980, ist einer von acht in Deutschland. Heute hat er 1360 Mitglieder, neben natürlichen Personen 125 Kirchenkreise, eine Landeskirche, einige Firmen und Stiftungen. Sein Treuhandkapital beläuft sich auf 19 Millionen Euro.

Dierks’ Anlage war im Jahr darauf nicht »weg«, erbrachte sogar eine kleine Dividende. Diese darf nach der Satzung maximal zwei Prozent betragen, derzeit ist es ein Prozent. Anders als eine Spende kann eine Geldanlage wiederholt helfen, weil sie mehrfach nacheinander verliehen werden kann. Dierks blieb dabei. Seit er 2003 in Ruhestand ging, nutzt er seinen Zeitwohlstand auch für Oikocredit, 2006 wurde er zum Schatzmeister im Förderkreis gewählt. Ein- bis zweimal die Woche kommt er in das kleine Büro nahe der Braunschweiger Innenstadt und kümmert sich um Beiträge und Geldanlagen der Mitglieder. Hauptamtlich arbeitet hier die studierte Biologin Franziska Dickschen als Geschäftsführerin des Förderkreises. Sie ist seit 1989 in der entwicklungspolitischen Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit aktiv. Fragt man warum, erwähnt sie die langen Jahre, die sie in Mexiko lebte und arbeitete, und ihre Erfahrungen in Nicaragua. Als erkläre das alles. In ihrer Arbeit bei Oikocredit verbinde sich, was sie »privat und politisch« mitbringe, ihr Interesse für entwicklungspolitische Themen und für den fairen Handel. »Privat« heißt bei ihr, dass sie sich für diese Themen auch ehrenamtlich einsetzt, beim Dachverband Entwicklungspolitik Niedersachsen und bei Fair in Braunschweig e.V.

Die 19 Millionen der niedersächsischen und Bremer Förderkreismitglieder also gehen in den großen Oikocredit-Topf. 2017 enthielt er insgesamt 1,2 Milliarden Euro. 912 Millionen davon waren als Darlehen vergeben. Ist Oikocredit also eine Bank? »Nein«, sagt Dickschen, »eine Genossenschaft, die Kredite an sozial orientierte Unternehmen vergibt. Die soziale Rendite steht für uns im Vordergrund.« Der andere große Unterschied: Oikocredit finanziert die Darlehen vollständig aus Eigenkapital, nämlich den Einlagen der Anleger*innen. Eine Bank hat üblicherweise lediglich zwei bis acht Prozent Eigenkapital. Sie leiht von anderen Banken, die ihrerseits … man kennt das System. »Wir sind solide Geschäftspartner«, sagt Dickschen. Das ist sowohl für die Mitglieder wichtig, die ihre Rücklage eines Tages zurückfordern, als auch für die Partner in derzeit 70 Ländern des globalen Südens.

Drei Milliarden Menschen auf der Welt haben keinen Zugang zu Finanzdienstleistungen. Was das heißt, erfuhr Tim Pauls, als er 2008 seinen Freiwilligendienst in Ghana leistete. Er erlebte, wie die Young and Lonely Foundation, eine kleine NGO, dafür arbeitete, Menschen Zugang zu Bildung zu verschaffen und wie vieles immer wieder an der Finanzierung scheiterte. »Oft fehlt den Menschen buchstäblich das Licht zum Lesen.« Damals dachte der heutige Berufsschullehrer nach, was er beruflich und privat mit seinem Leben anfangen würde. Er begriff, »in der globalen ökonomischen Geburtslotterie« hatte er Glück gehabt. Und er verstand, dass fehlende finanzielle Mittel auch die freie Persönlichkeitsentfaltung einschränken. Deshalb interessieren ihn »Hilfsprojekte« weniger als »Partnerschaften auf Augenhöhe«, als die er die Zusammenarbeit von Oikocredit mit Partnerorganisationen vor Ort betrachtet.

Spezialist*innen dort verleihen die Gelder weiter an selbstständige Handwerker*innen, Händler*innen, Landwirt*innen oder Genossenschaften. »Man muss die Kreativität der Menschen akzeptieren«, sagt Pauls. Menschen mit guten Ideen brauchten wirtschaftliche und beratende Starthilfe, aber keine vorgefertigten Konzepte. Auf einer Studienreise nach Ecuador besuchte er Darlehensnehmer*innen und bloggte später darüber, wie Kaffeebauern sich dank Oikocredit-Darlehen eben nicht bei Zwischenhändlern verschulden mussten, deren »Vorschüsse« auf die kommende Ernte deutlich unter dem Weltmarktpreis liegen und die Produzenten in lebenslange Abhängigkeit treiben. Er spürte Dankbarkeit ebenso wie das Wissen der Menschen, dass ein Kredit kein Almosen ist. Auch Dierks hat das erlebt, als er einer mexikanischen Bäckerin begegnete, die mit umgerechnet 80 Euro Kredit zwei Lkw Feuerholz und fünf Sack Maismehl kaufte, den Grundstock ihres Geschäfts. »Das habe ich fast abbezahlt. Dann brauche ich euch nicht mehr«, sagt sie. Inzwischen beschäftige sie einen Verkäufer auf dem Markt.

»In der Mikrofinanz geht es um Menschen, die Initiative und Ideen haben, denen es nur an der Finanzierung fehlt. Und die schaffen dann oft Arbeitsplätze«, erklärt Franziska Dickschen. Mikrofinanzwesen bedeutet »inklusive Finanzwirtschaft«. Vergeben werden die Beträge meist für einen kurzen Zeitraum und an Menschen, die »faire Finanzierung und Beratung« brauchen. Mikrofinanz sei »nah beim Kunden« und ökologisch orientiert. Oikocredit-Partner im Bereich erneuerbare Energien tragen dazu bei, Solarmodule oder kleine Wasserwerke dorthin zu bringen, wo Stromnetze fehlen oder unzuverlässig funktionieren. Zugang zu Strom bedeutet: Kinder können ihre Hausaufgaben im Licht einer Solarlampe machen anstatt im gesundheitsschädigenden Dunst von Petroleumlicht. Zugang zu Strom heißt: Man kann ein Handy aufladen und den Geldverkehr darüber abwickeln, in etlichen Ländern sicherer als der Umgang mit Bargeld. Franziska Dickschen kennt die Kritik, dass Oikocredit die Ärmsten der Armen nicht erreiche. Richtig, für Menschen in existenzieller Not, die Hilfe zum Überleben brauchen, seien weiterhin Spenden notwendig.

Oikocredit zahlt Kredite oft in lokalen Währungen, nicht in »harten« wie dem Euro oder dem Dollar. Dadurch sind die Kreditnehmer*innen den Schwankungen des internationalen Währungsmarktes weniger ausgesetzt. Das Risiko übernimmt Oikocredit. Warum? Weil es gerecht ist. Den realen Risiken dieses Geschäftsgrundsatzes zum Trotz ist es noch nie geschehen, dass eine Einlage nicht zurückgezahlt werden konnte, wenn die Anlegerin oder der Anleger sie benötigte. Oikocredit sichert sich allerdings ab, durch vergleichsweise hohe Zinsen und indem die Partnerprojekte nach ökologischen und sozialen Kriterien sowie in ihrer Unternehmensführung geprüft werden. Gewährt Oikocredit einem Unternehmen ein Darlehen, gilt das auch Banken als Ausweis von Seriosität.

Christoph und Sonja Bunzmann wurden vor elf Jahren Oikocredit-Anleger, damals im FK Westen. Eine finanzielle Rücklage zu bilden gehört ihrer Ansicht nach zu einem guten Leben. »Viele haben diese Möglichkeit nicht, wir sind dankbar dafür.« Eine Finanzberaterin hatte ihnen geraten, eine möglichst profitable Rücklage zu wählen, vom Gewinn könnten sie ja etwas spenden. Sie entschieden sich gegen diese Art der Gewissensentlastung: »Wir wollen beides, über das Geld verfügen können und ethisch anlegen.« Beide berufstätig und mit drei kleinen Kindern, sehen sie sich vorübergehend als eine Art stille Teilhaber. Sie lesen die Oikocredit-Nachrichten, beschäftigen sich aber nicht intensiv damit. In die Zukunft wirken ihre Entscheidungen doch: Wie Tim Pauls‘ kleine Tochter besitzen auch ihre Kinder eine Anlage bei Oikocredit, finanziert aus Geldgeschenken zur Taufe. Geld soll Gutes bewirken.

Oikocredit-Genossenschaftler*innen sprechen oft von ihrer privilegierten Lebenssituation. Und sie sprechen vom Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. »Ich bin oft hin- und hergerissen, was und wie viel wir bewirken können. Aber im direkten Kontakt mit den Menschen sieht man, was sich verändern kann. Man kann sich nicht einfach zurücklehnen und sagen: Hauptsache, mir geht’s gut, ich habe mein Auto, mein Essen, meinen Urlaub«, sagt Franziska Dickschen.

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