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Grips als Rohstoff der Lausitz

Wirtschaft verlangt zum Kohleausstieg Investitionen in Innovation und Infrastruktur

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

»Wir wollen nicht den Abstieg vermeiden, sondern die Tabellenspitze erreichen«, versucht es Colin von Ettingshausen mit einem Motivationsspruch aus dem Leistungssport. Er hat es allerdings nicht mit Athleten zu tun. Stattdessen mit Arbeitern. Von Ettingshausen ist kaufmännischer Geschäftsführer beim Chemiekonzern BASF in Schwarzheide. Der Standort werde wachsen, ist er überzeugt. Dass in der Lausitz Jahr für Jahr 30 Prozent mehr Beschäftigte in Rente gehen als Schulabgänger ins Berufsleben nachrücken, muss für BASF kein Problem werden. Die Digitalisierung der Industrie wird es künftig ermöglichen, die bestehenden Anlagen in Schwarzheide mit weniger Personal zu betreiben und den Standort noch auszubauen.

Diese Sichtweise ermöglicht einen neuen Blick auf den Strukturwandel in der Lausitz. Dauerhaft 20 000 Industriearbeitsplätze benötige die Region, wenn die Jobs in den Tagebauen und Braunkohlekraftwerken wegfallen, rechnet Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg, am Freitag vor. Er und seine Kollegen aus der Wirtschaft stecken in einer Zwickmühle: Sie wollen den Standort keinesfalls schlechtreden, müssen aber auch dosiert jammern, damit die Politik ihre Forderungen erfüllt und Geld locker macht. Es ist ein Drahtseilakt. Am Freitag gelingt er.

Selbstbewusst trägt Maren Schröder vor, wo es bei der Infrastruktur klemmt. Sie ist Oberingenieurin bei der Züblin Spezialtiefbau GmbH und Vizepräsidentin des Bauindustrieverbandes Ost. Sie fordert beispielsweise zwischen Kreuz Schönefeld und Dreieck Spreewald zwei zusätzliche Spuren für die bislang nur vierstreifige Autobahn 13 und ein zweites Gleis für die Bahnstrecke von Cottbus nach Lübbenau. Der bisher nur eingleisige Abschnitt sei ein »Engpass«, ein »Nadelöhr« auf dem Weg nach Berlin. Für die täglich 6000 Pendler komme es häufig zu Verspätungen. Drei Züge pro Stunde wären wünschenswert, sagt Schröder. Auch Leipzig, Dresden und Wroclaw sollten nach ihrer Ansicht künftig von der Lausitz aus schneller zu erreichen sein.

Etliche Verkehrsprojekte sind in Aussicht gestellt, doch die Menschen werden dabei auf eine Geduldsprobe gestellt. »Wenn wir zehn Jahre warten, ist es für die Lausitz zu spät«, warnt Schröder. Wenn nicht schnell etwas geschehe, werden die Baufirmen mit ihren Mitarbeitern verschwunden sein. Es würden dann nur die Rentner bleiben, stellt die Ingenieurin ernüchternd fest.

Es wird zwar noch einmal betont, dass ein übereilter Ausstieg aus der Braunkohleverstromung bei Betrieben, Beschäftigten und Bürgern für starke Verunsicherung sorgen könnte. Zugleich ist aber klar, dass der Ausstieg früher oder später unausweichlich sein wird. Einige Unternehmen spüren den Strukturwandel bereits jetzt. Denn die sehr langfristigen Wartungsarbeiten an den Kraftwerken fallen schon jetzt weg, weil sich das perspektivisch nicht mehr lohnt, erläutert Rüdiger Lange, Geschäftsführer der Innovationsregion Lausitz GmbH. Manche Betriebe verloren deswegen seit 2015 schon 30 Prozent ihrer Aufträge und müssen sich nach neuen Geschäftsfeldern umsehen.

Neue Energien besitzen Potenzial. Am Kohlekraftwerk Schwarze Pumpe und am Chemiezentrum Schwarzheide könnten Standorte für die Produktion, Speicherung und Nutzung von Wasserstoff entstehen, heißt es. Diese Idee und weitere Projekte müssten vom Bund in der Startphase mit rund 100 Millionen Euro unterstützt werden, verlangt die Wirtschaft. Ihre Pläne klingen sehr ambitioniert, aber das stört sie nicht.

Den größten Optimismus zeigt beim Pressetermin im Potsdamer Haus der Wirtschaft Colin von Ettingshausen. Klar können Bewerber heute nicht mehr als früher. Klar müssten sie das eigentlich - wegen der Herausforderungen der modernen Technik. Doch der Mann von BASF lobt das brandenburgische Arbeitsministerium in den höchsten Tönen für dessen Bemühungen um Aus- und Weiterbildung. Deutschland sei ein rohstoffarmes Land, heiße es zwar. »Aber bei uns sitzt der Rohstoff zwischen den Ohren«, sagt von Ettingshausen - und meint den Grips der Menschen in der Lausitz.

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