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Ein Blick in den Abgrund

Tobias Ginsburg begab sich incognito unter die Reichsbürger

  • Von Andreas Meinzer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Tobias Ginsburg: Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern.
Das Neue Berlin, 267 S., br., 17,99 €.

Leider wurde erst, nachdem Wolfgang P. im mittelfränkischen Georgensgmünd 2016 eine SEK-Einheit, die sein Haus nach massenhaft gehorteten Waffen durchsuchen wollte, mit einer Schusswaffe angegriffen, mehrere Polizisten verletzt und einen getötet hat, die breitere Öffentlichkeit auf das Phänomen aufmerksam, das zuvor meist nur Kennern der rechten Szene ein Begriff war: Deutsche Staatsbürger, die wie der genannte Täter, der seinen Personalausweis zurückgegeben, sich zum »freien Menschen Wolfgang« und sein Haus zum »autonomen Regierungsbezirk« erklärt hatte, keine Institutionen der von ihnen oft als »GmbH« bezeichneten BRD akzeptieren und sich zu »Bürgern« eines untergegangenen Reiches oder eines neu geschaffenen definieren. Über 15 000 von ihnen soll es in Deutschland geben, Tendenz steigend. Sogar im Dienste staatlicher Institutionen, allen voran der Polizei.

Auch wenn die Bewegung keine einheitliche ist, sich unter dieses Schlagwort sowohl biedere aber nicht minder militante Waffennarren, Kameradschaftsnazis als auch esoterische Hippie-Siedler subsumieren lassen, muss sie doch irgendetwas verbinden. Diesem tertium comparationis ist der Dramaturg und Regisseur Tobias Ginsburg, Jahrgang 1986, auf der Spur.

Getarnt als verschwörungstheoretisch inspirierter Journalist der reichsdeutschen Szene, unter dem Vorwand, diese für seine Fake-Website der-widerstand.com wohlwollend zu porträtieren, reiste der Autor gut ein Jahr durch Deutschland (»ideologischer Katastrophentourismus«) und besuchte allerlei obskure Gruppen und Personen, die sich laut Experten mehr oder weniger den Reichsbürgern zuordnen lassen (auch, wenn ihnen das selbst oft nicht bewusst ist): Die Anhänger des inzwischen internierten »Königs« Peter Fitzek, die sich in einer alten Fabrik nahe Wittenberg ihr »Königreich« in Do-it-yourself-Manier instand(be)setzen, beinharte Leugner der Shoa sowie ein Bündnis von »Verschwörern« aus friedensbewegten Russlandfreunden, Mitgliedern der Rechtspartei Deutsche Mitte, Ex-NPDlern und rechten »Anarchisten«, das die »BriD« (Bundesrepublik in Deutschland) zu Fall zu bringen plant. Oder Jürgen Elsässer, den ex-linken Herausgeber des neurechten Querfront-Magazines »Compact« und seine musikalischen Genossen von der Band Die Bandbreite, die einst noch auf DGB-Veranstaltungen auftraten, aber kein Problem damit haben, mit waschechten Nazis Bündnisse »für den Frieden« einzugehen. Der Autor bekommt sogar das lukrative Angebot, in eine Initiative einzusteigen, die sich von Putin Kaliningrad (das ehemalige Königsberg) zurückkaufen möchte, um dort ein völkisches Siedlungsprojekt zu eröffnen - er könnte in diesem neuen »Reich« eine Art »Propagandaminister« werden, verspricht man ihm.

Ginsburg, jüdischer Herkunft, muss sich von seinen Quellen dabei zahlreiche und obskure antisemitische Verschwörungstheorien anhören. Er erlebt die wahnhafte Besessenheit, es gäbe riesenhafte Dämonen mit überdimensionalen Hörnern auf dem Kopf, die Kinder entführten und sie in dunklen Kellern nach satanischen und kultisch-jüdischen Blutmagier-Praktiken vergewaltigten. Die Befragten fürchten sich vor Monstern, nicht vor Menschen. »Sind ihre antisemitischen Horrorfantasien nicht zu weit von ihrem ursprünglichen Realitätsbezug abgewandert, um noch gefährlich zu sein?«, fragt sich Ginsburg: »Sie meinen ja nicht mehr mich. Hoffe ich zumindest.«

Solcherart Konfrontation mit dem Wahn drückt sich aus in Ginsburgs Pseudonym während seiner journalistischen Reise: Er nennt sich Tobias Patera, benannt nach dem Herrscher des Traumreiches Alfred Kubins expressionistischem Roman »Die andere Seite« von 1909, dessen Besucher zunehmend dem Wahnsinn verfallen. Diese Gefahr verspürt Ginsburg alias Patera selbst, wenn er hinter all den ihm begegnenden wirren Ideologien den einzelnen Menschen, seine Geschichte und die wahren (psychischen, sozialen) Probleme erkennt, gar Mitleid für manche der armseligen Gestalten entwickelt. Wenn selbst ein solch informierter und kritischer Autor wie er nicht davor gefeit ist, diese kruden Ausformungen deutscher Ideologie mit der Zeit für relativ normal zu halten, weil er sich inkognito in einer medialen Filterblase befindet, wundert es nicht, welch weite Kreise Diskurse der Reichsbürger ziehen.

Ginsburg Bericht bietet einen tragikomischen Blick in den Abgrund - den Abgrund von nebenan.

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