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Kränkungen, Verletzungen, Erniedrigungen

Petra Köpping hat eine Streitschrift für die Gleichberechtigung der Ostdeutschen verfasst

Viel ist über die Herstellung der deutschen Einheit 1989/90 geschrieben worden. Zu den runden Jahrestagen erscheinen Buchpublikationen, die dem außerordentlichen Geschehen in jenen Monaten gewidmet sind. Aber wie ging es weiter? Konnten die Unterschiede zwischen dem West- und dem Ostteil des Landes, die sich in vierzig Jahren getrennter Entwicklung ausgeprägt hatten, überwunden werden? Dazu gab es in den vergangenen fast drei Jahrzehnten, wie Petra Köpping feststellt, »keine tiefere und länger andauernde gesellschaftliche Debatte«, obwohl sich laut Meinungsumfragen ein Drittel bis zur Hälfte der Ostdeutschen als »Deutsche zweiter Klasse« fühlen. Das sei kein Wunder, meint die Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration, denn »die Zeit kompletter Umbrüche, Neuorientierung und der Hoffnungen war auch eine Zeit der Kränkungen, Verletzungen, Erniedrigungen«.

Petra Köpping: Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten.
Verlag Ch. Links, 208 S., br., 18 €.

Das Gefühl der DDR-Bürger bei der Wiedervereinigung benachteiligt worden zu sein, »vergiftet unsere Gesellschaft«, ist Petra Köpping überzeugt. Dagegen helfe nur, die Probleme, mit denen die Ostdeutschen in der »Nachwendezeit« konfrontiert wurden endlich und gründlich aufzuarbeiten. Bisher habe es statt dessen vor allem Schweigen und Schönreden gegeben bzw. die pauschale Diffamierung von Kritikern der Nachwendezeit als »Jammer-Ossis«, »Wendeverlierer« oder »DDR- Nostalgiker«.

Die meisten Westdeutschen hätten bis heute nicht verstanden, so die Sozialdemokratin, was eigentlich im Osten nach 1990 wirklich passiert ist. Gegen dieses Unverständnis, aus dem viele Vorurteile über die »Ossis« resultieren, gegen jene Politiker und Journalisten, die sich weigern, die aus der Art und Weise der Vereinigung entstandenen Probleme Ostdeutschlands beim Namen zu nennen, hat Petra Köpping ihr Buch geschrieben. Sie titelte es völlig zu Recht als Streitschrift.

Sie hat sich das schwierige Thema nicht ausgesucht. Es drängte sich ihr vielmehr aus unmittelbarem Erleben auf. In den 1980er Jahren war sie Bürgermeisterin in einer kleinen Stadt in der Nähe von Leipzig. Aus Protest über die Untätigkeit der vorgesetzten Behörden angesichts dringend zu lösender Probleme trat sie im Sommer 1990 aus der SED aus. Bis zu den Kommunalwahlen vom März 1990 blieb sie Bürgermeisterin. »Ich versuchte die Gemeinde zu schützen, so weit es ging«, schreibt sie. Sie selbst, studierte Staats- und Rechtswissenschaftlerin, fand nur noch Arbeit unterhalb ihrer Qualifikation, war vier Jahre Außendienstmitarbeiterin der Deutschen Angestellten-Krankenkasse, danach Kommunalberaterin der Sächsischen Aufbaubank. 2009 wurde sie in den sächsischen Landtag gewählt, seit 2014 ist sie Mitglied der Landesregierung. Gelegenheit mit Leuten zu sprechen, ihre Probleme kennenzulernen hatte sie bei der Ausübung ihrer Tätigkeiten allemal. Und sie hat sie, wie es ihr Buch beweist, gut genutzt. Ihr Urteil beispielsweise über die Treuhandanstalt beruht nicht nur auf schriftlichen Quellen (wobei die Archivunterlagen, wie sie verärgert feststellt, noch weitgehend gesperrt oder unauffindbar sind), sondern in beträchtlichem Maße auch auf Zeitzeugenbefragungen. Ihr Urteil über die Tätigkeit der Treuhand ist eindeutig: »In der Rückschau erscheinen alle Unternehmen als bankrott oder ruinös. Doch es existieren eben sehr viele glaubhafte Berichte, das manche dieser Unternehmen hätten gerettet werden können - und bei manchen Käufen westdeutsche Unternehmen nur den Markt bereinigten und sich so einer billigen Konkurrenz entledigten.«

Kein Herumgerede, keine »sowohl als auch«. Sie berichtet »Ungerechtigkeiten, die bis heute bestehen«, schreibt über Aufsteiger und Abstiege, die »Entwertung des ganzen Lebens« vieler Ostdeutscher, und sie fragt, »wo die ostdeutschen Eliten geblieben sind«. Im letzten Kapitel setzt sie sich mit der Meinung »Es ändert sich doch sowieso nichts« auseinander, die sie bei vielen Ostdeutschen angetroffen hat und stellt ihre »Forderungen für den Osten Deutschlands« auf, darunter die endliche Aufarbeitung der Nachwendezeit; »Und zwar in Ost und West! Der Osten muss sich endlich erklären können, und der Westen muss endlich zuhören und verstehen.«

Ziel dieses Meinungsaustausches muss es sein, »zentrale Fragen, die unsere Gegenwart entscheidend beeinflussen«, zu beantworten: »Warum ist das Misstrauen in und die Distanz zu Demokratie und Politik in Ostdeutschland so groß? Warum kommt die Deutsche Einheit in großen Teilen nicht voran - oder verzeichnet sogar Rückschritte? Woher kommt all der Ostdeutschen Wut? Weshalb sind Rechtspopulisten im Osten stärker als im Westen? Und warum gibt es einen anhaltenden Chauvinismus und derart viele Vorurteile gegen uns Ostdeutsche im Westen?«

Petra Köpping stellt diese Fragen nicht nur. Sie beantwortet sie auch.

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