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Zwischen Orient und Okzident

Zülfü Livaneli gibt den Verfolgten und Minderheiten eine Stimme

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Ich-Erzähler ist Ibrahim, ein angesehener Journalist aus Istanbul. Als er vom Tod eines Jugendfreundes erfährt, reist er zur Beerdigung nach Mardin in Südostanatolien, nahe der Grenze zu Syrien. Dort hatte er selbst einst gelebt, dort war er groß geworden.

Zülfü Livaneli: Unruhe. Roman.
A. d. Türk. v. Gerhard Meier. Klett-Cotta, 170 S., geb., 18 €.

Ibrahim trifft in dieser uralten Stadt viele Bekannte. Er wird neugierig durch ihre Erzählungen, und er begibt sich auf Spurensuche. Schließlich führt ihn sein Instinkt als Reporter zu Freunden und Verwandten des Ermordeten. Die Geschichte nimmt ihn schließlich derart gefangen, dass er zunehmend seine innere Zerrissenheit spürt und immer mehr in »Unruhe« gerät, so auch der Titel des Romans.

»Zurück in Istanbul war ich noch immer wie benommen von all den Geschichten, die ich gehört hatte, und vor lauter Unruhe konnte ich mich kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Als wäre mein Körper nach Istanbul geflogen, meine Seele dagegen in Mardin geblieben.«

Der Orient erscheint dem Erzähler wahrhaftiger, glaubwürdiger und tiefgründiger als der Westen. Dort, im Orient, gilt noch das Wort; dort sind Stolz und Überzeugungen noch mehr wert als Besitz; dort ist die Liebe noch ganz einmalig, zutiefst verzehrend und existenziell.

Bei seinen Recherchen erfährt der Journalist von Vergewaltigungen, Schändungen, Versklavungen und Morden. Er lernt das schreckliche Schicksal der Jesiden kennen, einer Glaubensgemeinschaft, die systematisch verfolgt wird. Fundamentalisten anderer Religionen halten die Jesiden für Teufelsanbeter. Und seit in Syrien und im Irak die terroristische Miliz Islamischer Staat wütet, sind die Jesiden zur größten Flüchtlingsgruppe aus der Region geworden. Die Welt schaut einem weiteren Völkermord zu.

Zülfü Livaneli durchforstet in seiner Literatur die Geschichte. Er gibt den Verfolgten und Minderheiten eine Stimme, er schreibt über die Liebe und schicksalhafte Verstrickungen von Menschen. Er lässt seine Figuren über Tabus sprechen, und immer wieder veranschaulicht er die ewige Zerrissenheit zwischen Orient und Okzident.

Livaneli ist ein Mittler zwischen den Kulturen und Welten. Der 72-Jährige ist ein berühmter Liedermacher und Komponist in seiner Heimat Türkei. Er wird gefeiert als Musiker und Friedensbotschafter. Mittlerweile hat es der Künstler auch zu einem versierten Erzähler gebracht. In der Türkei war der nun auf Deutsch vorliegende Roman ein Jahr lang die Nummer eins auf der Bestsellerliste, teilt der Verlag Klett-Cotta mit. Seit 2008 ist dies nun bereits das fünfte Buch von Livaneli, das dort herauskommt.

Livanelis Manko als Romanschriftsteller zeigt sich leider auch in diesem Buch erneut. Er erklärt und kommentiert zu viel, er lässt dem Leser zu wenig Raum für eigene Überlegungen und Fantasie. Seine Mischung aus erzählerischen Passagen und essayistischen Absätzen ist hier zudem noch augenfälliger - in diesem Fall insofern einsichtig, weil der Erzähler Journalist ist.

Der Roman ist einfach gestrickt, in knappe, manchmal nur zwei, drei Seiten lange Kapitel gegliedert. Ein Gegenwartsroman, der sich so leicht liest, dass man manchmal an Kolportage denkt. Livanelis Botschaft: Er wirbt für ein besseres, ein friedlicheres, ein vorurteilsfreies Zusammenleben. Er hat mit diesem Roman erneut ein Licht in die Schatten dieser Welt gebracht.

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