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Ein Mahlstrom des Erzählens

António Lobo Antunes und jene »Götter«, die sich dafür halten

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»Es wechselt die Farbe, das Meer, blau, grau, grün, weiß, beinahe gelb an manchen Augustnachmittagen, wenn niemand am Strand ist, nur die Dünen und die Büsche, und hoch oben, über dem Wind mit den Kiefern und den Statuen das Haus, nachts, nehme ich an, schwarz, undeutlich, noch größer, und die Senhora im Zentrum von seinen Salons, seinen Korridoren, seiner Stille, die Senhora allein im Sessel, glaubt, ich sei bei ihr …«

António Lobo Antunes: Vom Wesen der Götter. Roman.
A. d. Port. v. Maralde Meyer-Minnemann. Luchterhand, 650 S., geb., 26 €.

Das Leben ist Wahn und ist Täuschung, Gewalt. Wie viel, wird sich im Lauf des Romans herausstellen, weiterschrauben, unablässig im Kreis, immer wieder. Und wenn am Ende einer zur Fadosängerin sagt: »Du hast mich zu Tränen gerührt«, ist das ebenso falsch wie die falschen Wimpern, das Drumherum, alles.

Seit 1979 und seinen Debütromanen »Elefantengedächtnis« und »Der Judaskuss« schreibt António Lobo Antunes kontinuierlich immer und immer wieder denselben Roman, immer neu, immer bohrender, immer genauer die Psychopathologie seines Landes, seiner Klasse, ein Welttheater des Bürgertums, dessen Verfall offenbar Wesen des Ganzen ist. Und hier nun in »Das Wesen der Götter« sind es Bauern, Mätressen, Künstler und Kapitalisten, verkommene Aristokratie, die in den Strudel des Wahns gerissen werden, der womöglich Realität ist. Ein Mahlstrom des Erzählens.

In seinem vorigen Roman »Ich gehe wie ein Haus in Flammen« war der Mikrokosmos ein Mietshaus in Lissabon. Diesmal spielt das lähmende Grauen in einer Villa im vermeintlich mondänen Cascais. Die greise »Senhora« erhält regelmäßig Besuch von einer Buchhändlerin, die ihr Pakete mit Büchern bringt, die sie nie öffnet. Diese Buchhändlerin, die wir als Fátima (nach der portugiesischen Nationalheiligen) kennenlernen, taucht ein in die Familiengeschichte der »Senhora«, in der sich die Generationen entlang des 20. Jahrhunderts überschlagen, jenseits jeder Chronologie. Im Mittelpunkt steht der Patriarch, ein Firmenchef, ein Despot, Vater der »Senhora«, der seinerzeit unverblümt um die Hand ihrer Mutter angehalten hatte, um im Gegenzug deren Vater Schulden zu erlassen. Und sie - »von jetzt an beginnt für Sie das schöne Leben« - vergewaltigt. Wie auch andere Frauen im Buch permanent und regelmäßig gedemütigt, missbraucht, zum Objekt gemacht werden, schweigend, erduldend.

»Der Vater meines Sohnes tat mir immer weh, und ich zählte die Autos auf der Straße - wenn ich bei fünfzehn bin, schiebe ich ihn runter«, sagt die Bücherbotin Fátima, Beobachterin, Mitte dreißig. Sie hat ein Kind ohne Vater dazu, hofft vergeblich auf das, was man Liebe nennt, Zuneigung, kommt aus den berühmten »kleinen Verhältnissen«, in denen es nicht besser zugeht als bei den Reichen, nur ärmer.

Der rätselhafte Fixpunkt für sie, Kontinuum und Ruhepol der Erzählung ist ein unerreichbar entrückter Obdachloser, dessen Leben sich zwischen Strand, Treppenstufen und öffentlichen Duschen abspielt. Eine Erscheinung, die bisweilen wirklicher wirkt, als das reale Elend und die subtile oder sexualisierte Gewalt allerorten. Womit auch die Leserin und der Leser, so scheint es, nach Belieben umgehen kann. Im Wahnsinn wird letztendlich alles enden.

Wie gehabt wechselt Lobo Antunes systematisch im Satz mehrfach die Perspektive, lässt Stimmen von überallher einfließen, einschlagen, mischt Kurzprosa in Monologe, die letztlich ein Großgedicht von hier mehr als 700 Seiten ergeben, in dem, man ahnt es und wird doch immer wieder davon überrascht, keine Rettung ist. Manchmal möchte man sich beim Lesen die Ohren zuhalten, nicht wissen, was noch hinter den Türen der düsteren Flure ist, Grauen oder doch nur die Leere?

Als sich herausstellt, dass er selbst unfruchtbar ist, lässt der Patriarch, der längst hinfällig ist - und den jene, die er »Clowns« nennt, aufgrund seiner Macht hinterrücks lieber beim Tennis gewinnen lassen, damit es keinen Ärger gibt -, einen Bediensteten antreten, um das Kind, das er braucht, an seiner Stelle zu zeugen. Eine ineinander verschachtelte Demütigung, doppelte Vergewaltigung aller. Was für eine Metapher!

Die Götter, das sei hier verraten, denn man ahnt es, sind Herren - die sich dafür halten. Dabei tröstet kaum, dass sie letztlich erbärmlich sind, dass ihre Welt permanent auseinanderbricht, einstürzt, vergammelt, denn sie haben Macht, und das macht sie zu Göttern. Ein böses Geflecht aus Konvention, Tradition, Angst und Verachtung, Bücklingskultur und Opportunismus. Ist es da Katharsis, wenn doch alle sterben? Ist es Erlösung, wenn wenigstens einmal die Leute, die vom Lakaien von ihrem Picknickplatz neben dem Areal um die Villa vertrieben werden, ausrichten lassen, der feine Herr möge sich ins Knie ficken? Sicher nicht.

Das Neue, wenn es überhaupt aufblitzt, entlang dieses 20. Jahrhunderts der Vergewaltigungen, verschiebt nur die Regeln zugunsten der »Götter«. Im »Buch des Unbehagens«, an dem Lobo Antunes seit nun 40 Jahren arbeitet, ist keine Rettung: Im Herbst erscheint in Portugal schon die nächste Version unter dem Titel »Die letzte Tür vor der Nacht«.

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