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Eine Stadt aus 1001 Nacht

Zug nach Tbilissi - Ein Lesebuch

Tbilissi sei das neue Berlin, ist oft zu hören. Da ist durchaus etwas dran - der Techno-Club Bassiani, stylische Restaurants und Cafés, junge Mode, hoch aufragende Hotelbauten, große Museen und eine lebendige Kunstszene, der Prachtboulevard Rustaweli mit seinem europäischen Gründerzeitglanz. In Kontrast dazu sowjetische und postsowjetische Wohnblocks und graue Straßenzüge mit zumeist unrenovierten Häusern. Der Charme der uralten Handelsstadt am Ufer der Kura entfaltet sich in der Altstadt, rund um die Schwefelbäder. Der warmen Quellen wegen verlegte König Wachtang I. Gorgassali die Hauptstadt seines Reiches 479 von Mzcheta nach Tbilissi. Ihnen verdankt die Stadt ihren Namen: Tbilissi heißt »warm«.

Zug nach Tbilissi. Ein Lesebuch.
Hg. v. Alexander Kartosia und Eduard Schreiber.
Suhrkamp Verlag, 350 S., geb., 25 €.

Aber auch von der dramatischen Geschichte der Stadt ist in diesem von Eduard Schreiber und Alexander Kartosia herausgegebenen Sammelband die Rede, davon, wie am 9. April 1989 eine antisowjetische Demonstration gewaltsam aufgelöst wurde und wie es im Zuge der Unabhängigkeitsbestrebungen in den frühen 90er Jahren zu einem Bürgerkrieg kam.

Essad Bey, Knut Hamsun, Egon Erwin Kisch, Ossip Mandelstam, Isaak Babel, John Dos Passos, John Steinbeck und Annemarie Schwarzenbach haben über ihre Reisen in die Stadt geschrieben. Ilja Ehrenburg kam das alte Tbilissi, ein Schmelztiegel armenischer, türkischer, persischer und europäischer Kultur, 1920 »wie eine Stadt aus ›Tausendundeiner Nacht‹« vor. Sein Text »Paolo und Tizian« beschreibt die Begegnung mit den Dichtern Tizian Tabidse und Paolo Iaschwili. Beide wurden, wie so viele Schriftsteller, Opfer der stalinistischen »Säuberungen« 1937. Tizians Bruder Galaktion Tabidse, der bedeutendste georgische Dichter des 20. Jahrhunderts, wählte 1959 den Freitod. Drei seiner großartigen Gedichte sind im Buch abgedruckt.

Es ist die Stärke dieses Lesebuchs, dass ein Bild der Entwicklung der Stadt, vor allem im 20. Jahrhundert, entsteht und ihre Atmosphäre lebendig wird. Clara Zetkin beschreibt die revolutionäre Aufbruchsstimmung bei ihrem Besuch in einem »mohammedanischen Frauenklub« 1926. Im Gegensatz dazu schildert die Adlige Bobo Dadiani in ihrem Tagebuch, wie sie mit einem Besuch bei Lawrenti Beria 1937 in Moskau vergeblich versuchte, Gnade für ihren verhafteten Ehemann zu erwirken.

Naira Gelaschwili, die Grande Dame der georgischen Literatur, erinnert an das Kaffeehaus »Schwarzer Kaffee« am Rustaweli-Prospekt, das sie als Jugendliche in der Sowjetunion der 50er Jahre magisch anzog, denn der Kaffee war »zu einer Chiffre Europas, zu einem untrennbaren Attribut einer uns fremden Behaglichkeit ... geworden«. Mit Nana Ekvtimishvili kommt eine Autorin der jüngeren Generation zu Wort. Ihre titelgebende Geschichte »Der Zug nach Tbilissi« berichtet liebevoll, doch auch mit kühler Klarheit von den Sommerferien bei der Großmutter in Imeretien in den 80er Jahren.

Ein Auszug aus dem Roman »Awelum« von Otar Tschiladse schildert Gewaltausbrüche 1956, als Georgier gegen die Entstalinisierungstendenzen von Chruschtschow demonstrierten, und ermöglicht die Begegnung mit einem der größten Autoren Georgiens im 20. Jahrhundert.

Der Band eignet sich nicht nur gut zur literarischen Vor- oder Nachbereitung einer Reise. Er ist auch eine Fundgrube zur Entdeckung der reichen georgischen Literatur.

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