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Konzertabbruch mit Nachhall

Nach gescheitertem Rechtsrock macht sich unter den Fans Frustration breit

  • Von Sebastian Haak, Apolda
  • Lesedauer: 4 Min.

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Konzertabbruch mit Nachhall

Bis die ersten Neonazis am frühen Abend versuchen, die Kontrollstelle der Polizei zu überrennen, ist die Stimmung auf dem Marktplatz im mittelthüringischen Apolda am Samstag so, wie sie bei so vielen Neonazikonzerten ist: Diesseits und jenseits der Polizeigitter wird gepfiffen, Rechtsextreme recken ihre erhobenen Mittelfinger und bisweilen auch den rechten Arm in Richtung der Gegendemonstranten. Aus deren Reihen wiederum hallt den Neonazis regelmäßig »Alerta, Alerta, Antifascista!« entgegen. Weiter hinten spielen Kinder auf einem eingezäunten Platz Fußball, werden Waffeln verkauft; im Namen der Demokratie.

Plötzlich jedoch bedrängen Dutzende Rechtsextreme die Kontrollstelle der Polizei, weil sie offenbar keine Lust mehr haben, sich von den Beamten durchsuchen zu lassen, ehe sie das abgesperrte Gelände auf dem Marktplatz betreten dürfen. Es kommt zu Handgemengen, dann setzt die Polizei Pfefferspray und Schlagstöcke ein. Die Situation wird für einige Minuten etwas ruhiger. Bis wiederum plötzlich Flaschen aus dem Pulk der Rechtsextremen auf die Beamten geworfen werden, während die Polizisten gleichzeitig und von hinten von Neonazis angegriffen werden, die schon im Bereich des Marktplatzes sind. Glas zersplittert, Polizisten eilen aus ihren Reservestellungen nach vorne, setzen sich ihre schweren Schutzhelme auf.

So schnell kann die Lage eskalieren, wenn Hunderte, oft gewaltbereite und häufig betrunkene Rechtsextreme sich zusammenrotten; womöglich verleiht diese Erkenntnis dem Aufmarsch von nach Polizeiangaben bis zu 800 Neonazis eine Bedeutung, die über diesen Abend hinausreicht. Denn womöglich haben es Verwaltungsgerichte in Thüringen in Zukunft schwerer als in der Vergangenheit, es als reine Spekulation abzutun, wenn Versammlungsbehörden harte Auflagen für solche Veranstaltungen damit begründen, es seien dort Ausschreitungen zu erwarten. Apolda zeigt, wie schnell die angespannte Stimmung bei solchen Gelegenheiten in physische Gewalt umschlagen kann - von einer Minute auf die nächste.

Andererseits könnten die Ausschreitungen von Apolda auch innerhalb der Neonaziszene in der nächsten Zeit zu einiger Unruhe und Verunsicherung führen, worauf zum Beispiel Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) am Sonntag bereits hingewiesen hat. Nachdem die Rechtsextremen Flaschen auf die Polizisten geworfen haben, ein nicht kleiner Teil des Marktplatzes mit Splittern übersät ist und der Geruch von Pfefferspray in der Luft liegt, entscheidet sich der verantwortliche Polizeiführer, das Rechtsrockkonzert aufzulösen - auch wenn der Anmelder dieser Auflösung formal betrachtet um einige Minuten zuvorkommt, indem er selbst die Veranstaltung gegen 20 Uhr für beendet erklärt. Was nichts daran ändert, dass Polizisten die Neonazis vom Marktplatz zu einem großen Parkplatz drängen. Von dort aus fahren viele von ihnen nach Hause.

Damit ist ihr Ansinnen gescheitert, an diesem Wochenende Hassmusik im Kreise von Gleichgesinnten zu hören. Schon am Freitagabend, als die Rechtsextremen auf dem Marktplatz von Apolda ein improvisiertes Konzert vor nach Polizeiangaben bis zu etwa 750 Rechtsextremen veranstaltet hatten, war ein Stromgenerator der Polizei lauter als die Töne, die aus einem aufgestellten Lautsprecher drangen.

Der Großteil des Equipments der Rechtsextremen steht am Wochenende auf einem Feld im unweit von Apolda entfernten Magdala, auf dem das Konzert eigentlich stattfinden sollte. Nach einer Entscheidung des Amtsgerichts Weimar vom Freitag durften die Neonazis das Gelände am Wochenende jedoch nicht mehr betreten.

Nach dem für Ende August groß angekündigten und damals ebenfalls gescheiterten Rechtsrockkonzert von Mattstedt ist das Rechtsrockkonzert von Apolda damit die zweite derartige Veranstaltung innerhalb kürzester Zeit, bei der die Neonazi-Veranstalter ihren Neonazi-Kunden eine Leistung versprochen haben und diese schon dafür bezahlen ließen, aber nicht liefern konnten. In einschlägigen Foren sind deshalb bereits Sätze wie dieser zu lesen, inklusive Rechtschreibung und Grammatik: »Alles komplett umsonst gewesen mal wieder …«. Oder: »Der Abend bzw das Wochenende war umsonst Sprit und alles das war es auch erstmal für mich«.

Für viele Menschen in der Region Themar indes bedeutet dieses erneute Scheitern noch nicht wirklich Erfreuliches. Denn nachdem dort 2017 das größte Rechtsrockkonzert der deutschen Nachkriegsgeschichte mit bis zu 6000 angereisten Neonazis stattgefunden hatte und im Sommer 2018 mehrere tausend Rechtsextreme aus Deutschland und Teilen Europas zu einem Hass-Festival in die Kleinstadt im Süden Thüringens gekommen waren, ist die Bedeutung der dort von den Rechtsextremen genutzten Grundstücke für die Szene nun noch gewachsen. Auch das lässt sich in Neonaziforen nachlesen.

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