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Erdogan will McKinsey nicht im Land haben

Türkischer Präsident will von Wirtschaftskrise nichts wissen und Probleme national lösen

  • Von Jan Keetmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Die ganze Misere, in der die türkische Wirtschaft steckt, lässt sich an zwei Nachrichten ablesen. Die eine lautet, dass die Inflation im September auf 24 Prozent gestiegen ist, nachdem sie im August noch bei 18 Prozent lag. Während diese Nachricht rasch die Runde machte, sickerte die zweite erst etwas später durch, nämlich dass der Vorsitzende der Gesellschaft für Statistik der Türkei (TÜIK), Enver Tasti noch am gleichen Tag, an dem er die Zahlen verkündete, seines Postens enthoben wurde. An die Spitze des TÜIK rückte ein Vertrauter des für Finanzen und Wirtschaft zuständigen Ministers Berat Albayrak. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass man in Ankara keine Lösung findet, um die Lage zu verbessern und stattdessen schlechte Nachrichten bekämpft.

Eine tragikomische Rolle spielt dabei Minister Albayrak, der der Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist. Im Wettlauf mit den schlechten Nachrichten entfaltet Albayrak hektische Aktivitäten. Er hat eine Videokonferenz mit über 1000 Kapitalanlegern durchgeführt, ständig macht er Ankündigungen oder kündigt solche für die nächste Woche an. Meistens sind es Absichtserklärungen oder Prognosen, die von der Wirklichkeit rasch überholt werden. Seine jüngste Idee war es, einen Beratungsvertrag mit der Unternehmensberatung McKinsey abzuschließen. Vermutlich hoffte Albayrak, so das Vertrauen internationaler Anleger zurückzugewinnen.

Der Vertrag kam bei seinen Landsleuten schlecht an. Die Opposition hielt Albayrak vor, die Kontrolle über die türkische Wirtschaftspolitik an eine ausländische Firma abzugeben, während Erdogan Geld vom Internationalem Währungsfonds IWF mit dem Argument ablehnt, er wolle die Souveränität über die türkische Politik behalten.

Albayrak schoss gegen seine Kritiker in der üblichen Weise zurück. Sie seien entweder »unerfahren« oder sie seien »Vaterlandsverräter«. Seine Worte hätte er besser vorsichtiger gewählt, denn kurz darauf erklärte Erdogan die Beratung durch McKinsey für nichtig. »Ich habe zu allen meinen Ministerfreunden gesagt: ›Du wirst von ihnen keine intellektuelle Beratung erhalten. Das ist nicht nötig. Wir helfen uns selbst‹«, sagte Erdoğan am Samstag bei einer Sitzung seiner Regierungspartei AKP nahe Ankara. Solange er lebe, werde »niemand in der Lage sein, die Türkei unter das Joch internationaler Institutionen zu stellen«. Albayrak muss den Vertrag nun wieder auflösen.

Der Vertrag passte nicht in die Art, wie Erdogan die Dinge darstellt und vielleicht auch tatsächlich sieht. Schon das Wort Krise lehnt er vehement ab. Die von Krise reden würden, sollten erst mal Ökonomie studieren, hält er seinen Kritikern entgegen. Was es gäbe, sei keine Krise, sondern »Manipulation«.

Der Journalist Kemal Can meint, Erdogan könne mit seiner Lesart der Krise bei den im kommenden Jahr anstehenden Kommunalwahlen durchaus Erfolg haben. Die Affäre um den in der Türkei wegen angeblichen Terrorismus angeklagten US-Pastor Andrew Brunson hätte sich gut als Beginn der Krise verkaufen lassen. Tatsächlich war die türkische Lira massiv eingebrochen, nachdem US-Präsident Donald Trump wegen Brunson zweimal Sanktionen gegen die Türkei verhängt hatte. Doch begann der rapide Wertverlust der Lira gut zwei Monate vorher, nachdem Erdogan in London vor institutionellen Anlegern seine Theorie erläutert hatte, wonach hohe Zinsen die Inflation anheizen und nicht senken, wie die meisten Ökonomen glauben.

Ausgehend von der Behauptung, die Krise sei eine vor allem vom Ausland ausgehende Manipulation oder ein Wirtschaftskrieg aus Neid auf die Erfolge seiner Regierung, rät Erdogan zu mehr Autarkie. Produkte sollten »heimisch und national« sein. Geschäfte sollten nur noch in heimischer Lira abgewickelt werden. Verträge mit ausländischen Firmen in den Währungen der beteiligten Länder, keinesfalls in Dollar. Leute, die größere Summen ins Ausland überweisen, werden festgenommen.

Die Parole »heimisch und national« kommt nicht nur bei Erdogans Wählern gut an, sondern auch Teile der Opposition können sich dem Charme dieser Parole nicht entziehen. Zum Beispiel hat die wichtige Oppositionspolitikerin Meral Aksener Erdogans Abkehr von McKinsey ausdrücklich gelobt.

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