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Ornithologische Offenbarung

Spätestromantik: «Der Vogelgott» von Susanne Röckel

Es bricht die neue Welt herein und verdunkelt den hellsten Sonnenschein« - dieser Vers kommt dem Ich-Erzähler gleich am Anfang des neuen Romans von Susanne Röckel in den Sinn, angesichts der dramatischen Szenerie eines Sonnenuntergangs. Er stammt aus »Heinrich von Ofterdingen«, einem Romanfragment des Frühromantikers Novalis.

Die Mystik, mit der die Romantiker die Beziehungen zwischen Mensch und Natur auf eine neue, höhere Ebene heben wollten, durchzieht auch Röckels Roman »Der Vogelgott«. Das Rätselhafte der Welt wird dort nicht aufgelöst in den täglichen Tsunamis von Statements, Begründungen und Appellen der Erklärer und Deuter. Es wird zwar zeitweise blockiert und abgedrängt, aber bricht sich schließlich Bahn, ungebeten und ungehemmt.

Der Roman der in München lebenden Schriftstellerin lässt sich zunächst an wie das Tagebuch eines Ornithologen, das aber mehr und mehr eine apokalyptische Dimension bekommt. Hier entwickelt, entfaltet, enthüllt, ja, entblößt sich eine Angst, von der Kierkegaard schrieb, sie sei »eine fremde Macht, die das Individuum ergreift, ohne dass dieses sich von ihr lösen könnte oder wollte«.

Dieser Macht verleiht Susanne Röckel die Gestalt von Vögeln und »verlinkt« sie so mit dem Klassiker der Apokalypsen, der Offenbarung des Johannes: Die Erde, heißt es im letzten Buch der Bibel, sei »zur Behausung aller unreinen Geister und zum Schlupfwinkel aller unreinen und abscheulichen Vögel« geworden.

Die Vögel, die über den Protagonisten und in deren Gedanken und Träumen kreisen, sind Sinnbilder des Störens, Zerstörens und Verschwindens. Unsichtbar werden - das war Spiel und Leidenschaft der drei Geschwister Thedor, Dora und Lorenz in ihrer Kindheit; heimliches Refugium in einer unheimlichen Welt, der ein dominanter Vater vorsitzt, inmitten des Hofstaats seiner ausgestopften Vögel.

Dem verstörenden »Prolog« des Vaters folgen die Berichte jedes der Kinder. Alle sind auf der Suche: nach dem Sinn im Unsinnigen, nach dem Bild unter dem Bild, nach der Erklärung des Unerklärten. Ob die Reise nun ins exotische »Land der Aza« geht, das schaurige Mysterium um die »Madonna mit der Walderdbeere« oder der in Dämonie agierende »Henry Morton« - die Teile dieses Romans formen und verformen sich, ohne sich ins Ineinander eines Ganzen zu fügen. Und darüber: Vögel als Träger bestürzender Botschaften. Symbolisch dafür der Vogel Greif, märchenhaftes, menschenfressendes Wesen, dessen Feder dem, der sie sich holt, magische Kräfte verleiht.

»Der Vogelgott« ist eine Geschichte über Menschen, die sich verlieren und wiederfinden. Und schon »bricht die neue Welt herein«. Nicht unbedingt eine helle. Doch auch die dunkle Welt kann von tiefer, bisweilen schrecklicher Harmonie durchdrungen sein. So beschrieben es die Romantiker. Und so beschreibt es Susanne Röckel, die uns in grandioser romantischer Manier mittels einer Sprache, die eigentlich unter das Betäubungsmittelgesetz fallen müsste, in den Sog von Welt, Wahn und Wunderglaube zieht.

Susanne Röckel: Der Vogelgott. Jung und Jung, 272 S., geb., 22 €.

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