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Die Rembrandtartigen

Das Kupferstichkabinett zeigt die Zeichnungen der Schüler des holländischen Künstlers des Barocks: Rembrandt van Rijn

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Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich die kunstgeschichtliche Forschung mit dem Werk des niederländischen Malers, Zeichners und Radierers Rembrandt. Dabei geht es schon lange nicht mehr um die Datierung und Zuschreibung einzelner Werke, sondern im Rahmen des »Rembrandt Research Project« darum, das Werk Rembrandts unter Nutzung aller zur Verfügung stehenden naturwissenschaftlichen Analyse-Methoden möglichst exakt zu bestimmen. In Rembrandts Werkstatt haben unter der Ägide des Meisters viele schon eigenständige Künstler, Schüler - und eben auch Laien - gearbeitet, deren Arbeiten lange Zeit Rembrandt zugeschlagen wurden. Wie sich der Blick der Schüler während der Werkstatt-Zeit an ihrem Vorbild Rembrandt schärfte, so hat sich inzwischen auch der Blick der Wissenschaftler für die zeichnerischen Qualitäten und die verschiedenen künstlerischen Handschriften geschärft. Mehr als die Hälfte der Zeichnungen, die noch im großen Bestandskatalog von Otto Benesch 1954 - 1957 als Originale aus der Hand des Meisters beschrieben wurden, gelten heute als Werke von Schülern und Mitarbeitern.

Das betrifft auch das Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, dessen Bestand an Zeichnungen Rembrandts, seiner Schule und seines Kreises weltweit zu den größten gehört. Nach jahrelangen Recherchen, nach Vorlage auch eines Kataloges »Rembrandt. Der Meister und seine Werkstatt« (2006) zeigt nun Holm Bevers, Hauptkustos und kommissarischer Direktor des Kupferstichkabinetts, mehr als 100 ausgewählte Zeichnungen von Rembrandt, seinen Mitarbeitern und Schülern, denen neue - ausführlich beschriebene - Zuordnungen gegeben wurden.

Es sind vor allem Figurendarstellungen, mit biblischen, antik-mythologischen und historischen Themen, Landschaften und Genreszenen. Ein Spektrum von Blättern wird eröffnet, die zugleich Schul- und Meisterzeichnungen sind. Es ist faszinierend zu verfolgen, wie die verschiedenen Künstler im Laufe ihrer Entwicklung die anfänglich oft totale Anverwandlung Rembrandt'scher Zeichenkunst in ihrem eigenen Stil aufgehen ließen, sich später zuweilen auch bewusst vom Idiom ihres Vorbilds zu distanzieren suchten. Andere wiederum behielten lebenslang, bewusst oder unbewusst, ihre einst von Rembrandt empfangene Prägung.

Der sicherste Ausgangspunkt für die Autorschaft Rembrandts sind die Zeichnungen, die signiert sind oder als Skizzen und Entwürfe für Gemälde und Radierungen von seiner Hand gedacht waren. Ein Meisterwerk Rembrandts aus der Mitte der 1630er Jahre ist die »Beweinung Christi unter dem Kreuz«. Ein menschliches Drama spielt sich hier ab: Klassisch ausgewogen, körperlich klar strukturiert sind die Gestalten, die sich in bildparalleler Darstellung dem auf dem Boden liegenden Leichnam Christi zuwenden. Die »Grabtragung« (um 1635 - 1640) zeigt zwar eine ähnliche Christusfigur, aber der zeichnerische Duktus ist ein anderer und Bevers ordnet das Blatt Jan Victors zu. Dieser dürfte an einer gemeinsamen Übungsstunde mit dem Lehrer und anderen Werkstattkollegen teilgenommen haben. Dann wieder hat Rembrandt mit energischem Strich der kleinteiligen Darstellung der »Verkündigung an Maria« (um 1652) von Constantijn Daniel van Renesse Korrekturen hinzugefügt.

Wie ist es aber mit einer Arbeit zu Philemon und Baucis, das eine Aufschrift trägt, die offenbar von Rembrandt stammt? Der Vergleich mit den Blättern, die neuerdings dem wenig bekannten Heyman Dullaert zugeschrieben wurden, zeigt die gleiche, etwas wilde Strichführung, den abrupten Wechsel von dünnen und breiten, häufig fleckig-klecksend verlaufenden Linien. Hier ist Rembrandts Aufschrift wohl als Kommentar des Lehrers für den Schüler zu deuten. Eine Zeichnung, auf der der alte, erblindete Tobias ungerechterweise seine Ehefrau Hanna anklagt, weist wiederum enge Übereinstimmungen mit einer kleinen Tafel von 1645 in der Berliner Gemäldegalerie auf, aber in seitenverkehrter Richtung. Und dennoch wird diese Arbeit nicht mehr Rembrandt zugeschrieben, konnte aber bisher auch noch keinem bekannten Schüler zugeordnet werden.

Zum biblischen Thema Adam und Eva, das auch in Rembrandts Werkstatt vom Meister selbst und von seinen Mitarbeitern behandelt wurde, haben sich sechs Arbeiten erhalten. Nur eine stammt von Rembrandt, auf der Kain seinen Bruder Abel erschlägt (sie befindet sich in Kopenhagen) - eine Szene von schockierendem Realismus. Zwei andere - Berliner - Zeichnungen sind Willem Drost zuzuschreiben. Auf der einen bestellen Adam und Eva, des Paradieses verwiesen, mit Mühsal den Acker. Auf der anderen wird Abels Leichnam aufgefunden. Ihre Ausführung reicht aber nicht an die Subtilität des Rembrandt'schen Vorbildes heran. Die beiden letzten Blätter sind erst noch zu bestimmen.

Mit dem Einblick in die Werkstatt Rembrandts gewährt die Ausstellung auch Einblick in die »Werkstatt« wissenschaftlicher Forschung. Mit welchen Mitteln wird »ein Rembrandt« untersucht und beurteilt, und wie kann die neue Zuschreibung begründet werden?

Es gibt zwar sachliche, stilistische und technische Kriterien für Zuschreibungen, doch seien die Entscheidungen, so gibt Bevers zu, auch teilweise subjektiver Natur. Nicht alle von ihm vorgenommenen Zuschreibungen an Rembrandt-Schüler werden von anderen Spezialisten geteilt werden. Und auch wie lange diese Erkenntnisse Bestand haben, bleibt dahin gestellt. Denn jede Generation legt der Auswertung von Einzelergebnissen ihr eigenes Rembrandt-Bild zugrunde, jede Generation wird neue Modelle in der Erklärung des Verhältnisses von Meister, Werkstatt und Schüler entwickeln.

Man mag die vielen Abschreibungen beklagen, die im Übrigen alle Zeichnungssammlungen der Welt betreffen. Aber sie tragen doch auch dazu bei, hinter der erdrückenden Beispielhaftigkeit Rembrandts sein eigentliches zeichnerisches Potenzial wiederzuentdecken. Nun können sich auch die Künstler seines Umfeldes durch ein profiliertes zeichnerisches Oeuvre präsentieren, denn sie haben das Stigma des bloßen »Schülerdaseins« verloren. Jetzt können auch andere Künstlerpersönlichkeiten des »Goldenen Zeitalters« konturiert hervortreten.

»Aus Rembrandts Werkstatt, Zeichnungen der Rembrandtschule«. Bis 18. November, Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin, Matthäikirchplatz, Mitte.

Di - Fr: 10 -18 Uhr, Sa u. So:11-18 Uhr

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