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Umwälzung der Weltwirtschaft

Laut Weltklimarat braucht es schnelle Veränderungen in allen Bereichen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen

  • Von Verena Kern
  • Lesedauer: 4 Min.

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Vor drei Jahren hat sich die Menschheit im Pariser Weltklimaabkommen ein großes Ziel gesetzt: Sie will die von ihr selbst verursachte Erderwärmung auf ein Maß begrenzen, das aller Voraussicht nach noch beherrschbar sein wird. Wo dieses Limit liegen soll, ja liegen muss, ist in dem Vertrag auch klar benannt: Die Erwärmung soll bei »deutlich unter zwei Grad« gestoppt werden, am besten aber bei 1,5 Grad Celsius.

Ob und wie das ambitioniertere Ziel noch zu schaffen ist und welche Klimawandelfolgen sich die Menschheit damit gegenüber dem Zwei-Grad-Ziel ersparen würde, dazu hat der Weltklimarat IPCC am Montag im koreanischen Incheon einen umfangreichen Sonderbericht vorgelegt. Die gute Nachricht: Aus naturwissenschaftlicher und technischer Sicht ist eine Begrenzung der Erwärmung in diesem Jahrhundert auf 1,5 Grad noch machbar. Allerdings hat sich die Erde bereits um rund ein Grad aufgeheizt, seit vor gut 150 Jahren in der industriellen Revolution mit dem massenhaften Verbrennen fossiler Energieträger begonnen wurde. Es gibt also nur noch einen recht kleinen Spielraum.

Und, das ist die weniger gute Nachricht, dafür sind »schnelle und weitreichende Veränderungen« in allen wichtigen Sektoren der Weltwirtschaft nötig: von Energie und Industrie über Verkehr, Gebäude und Städte bis hin zur Landnutzung. Diese Veränderungen, so heißt es in der »Zusammenfassung für Entscheidungsträger«, seien von »beispiellosem Ausmaß«.

Schnell und weitreichend heißt laut IPCC: Bis 2030 muss der weltweite Treibhausgasausstoß fast halbiert werden, nämlich um rund 45 Prozent gegenüber dem Level von 2010, um dann 2050 - wie im Paris-Abkommen vereinbart - bei »netto null« zu liegen. Das bedeutet: Um weiter anfallende Emissionen auszugleichen, müsste man mit genauso hohen »negativen Emissionen« arbeiten, also der Atmosphäre durch technologische Eingriffe CO2 entziehen.

Peilt man hingegen das Zwei-Grad-Ziel an, müssten die Emissionen bis 2030 nur um rund 20 Prozent nach unten gehen. Dann würde es reichen, »netto null« im Jahr 2075 zu erreichen.

Allerdings hat das 1,5-Grad-Ziel, wie der Report betont, gegenüber einer Erwärmung um zwei oder sogar mehr Grad sehr deutliche Vorteile. »Jedes zusätzliche bisschen Erwärmung ist wichtig, besonders, weil eine Erwärmung um 1,5 Grad oder mehr die Gefahr lang anhaltender oder irreversibler Veränderungen wie dem Verlust von Ökosystemen vergrößert«, sagte der Bremerhavener Klimaforscher Hans-Otto Pörtner, Ko-Vorsitzender einer IPCC-Arbeitsgruppe.

Der Bericht nennt einige Beispiele: Der Meeresspiegelanstieg würde geringer ausfallen, ein Teil des Eises am Nordpol könnte erhalten bleiben, bis zu 30 Prozent der Korallen in den Tropen - wichtig für Artenvielfalt im Meer und den Fischfang - könnten überleben. Auch die Versauerung der Ozeane würde geringer ausfallen, ebenso die Abnahme ihres Sauerstoffgehalts.

Die Forscher nennen auch wirtschaftliche Vorteile. Die Kosten, die Klimawandelfolgen mit sich bringen, wären bei 1,5 Grad Erwärmung um das Drei- bis Vierfache niedriger als bei zwei Grad. Auch für die Nachhaltigkeitsziele der UN wäre laut Bericht viel gewonnen.

Konkret müsste dafür die Stromversorgung bis 2050 zu 70 bis 85 Prozent durch erneuerbare Energien gedeckt werden. Der Beitrag der Kohle muss dann annähernd bei null liegen. Dafür dürfte die Nutzung der Atomkraft laut IPCC ebenso steigen wie der Einsatz von Gaskraftwerken - allerdings nur in Kombination mit der CCS-Technologie, bei der CO2 unterirdisch gespeichert wird.

Geht es mit den Emissionen weiter wie bisher, wird die 1,5-Grad-Marke bereits zwischen 2030 und 2052 erreicht sein, heißt es im Bericht. Insgesamt befinde sich die Welt derzeit auf einem Drei-bis-vier-Grad-Kurs.

Der IPCC ist eine zwischenstaatliche UN-Institution, die für die Regierungen den Stand der wissenschaftlichen Forschung zum Klimawandel zusammenfassen soll. An dem etwa 400 Seiten starken neuen Bericht, einer Art Machbarkeits-Metastudie, haben 86 Wissenschaftler aus rund 40 Ländern über 6000 Studien aus anerkannten Wissenschaftspublikationen ausgewertet. Im Laufe der vergangenen Woche verabschiedeten Diplomaten aus aller Welt bei dem Treffen in Incheon die 33-seitige Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger.

Dabei haben einige nationale Delegationen offenbar versucht, den Text zu entschärfen - darunter das Erdölland Saudi-Arabien, das Nachteile durch eine schnellere Abkehr von fossilen Energien befürchtet. China soll Vorbehalte gegenüber bestimmten Klimaschutzmaßnahmen geäußert haben, und die USA vertreten unter Präsident Donald Trump ohnehin eine klimaschutzskeptische Linie. Immerhin soll die US-Delegation bei den IPCC-Beratungen recht zurückhaltend aufgetreten sein.

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