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Horror in Perfektion

Die Serie »Spuk in Hill House« mischt Familiendrama mit Gothic-Grusel

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 3 Min.

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Grauenhaft schön: Das Spukhaus in Hill House
Grauenhaft schön: Das Spukhaus in Hill House

Der perfekte Moment des Horrorfilms geht aus Sicht des Altmeisters John Carpenter ungefähr so: Wenn man das Grauen besonders erwartet, lässt es garantiert solange auf sich warten, bis eine Entspannung eintritt, die dann umso brutaler zerschlagen wird. Den perfekten Moment des Horrorfilms kostet daher kaum jemand so aus wie Sheryl, wenn die Bestatterin der Netflix-Serie »Spuk in Hill House« ab heute einen Leichnam fürs Begräbnis im offenen Sarg zurechtmacht.

Sein Gesicht ist aschfahl, das Kellerlicht kühl. Kein Laut durchdringt die Stille, in der Sheryl allein mit sich, ihrer Schwester Nelly und der bohrenden Erinnerung ans verfluchte Elternhaus verbringt, das Nelly am Ende das Leben gekostet hat. Dank präziser Rückblenden wissen aufmerksame Zuschauer, dass das transsylvanisch anmutende Stadtschloss der Architektenfamilie Crane Nelly einst so gespenstisch traumatisiert hat, dass sie Suizid beging und jetzt auf dem Einbalsamierungstisch von Sheryl liegt.

Gemäß den Regeln des Genres müsste nun also folgendes passieren: Die Lebende pinselt an der Toten herum, letztere reißt schlagartig die Augen auf, woraufhin erstere wie am Spieß schreit und entweder den Monsteropfertod stirbt oder schweißgebadet im eigenen Bett erwacht. Doch es geschieht: Nichts. Zwischendurch kriecht zwar ein Käfer aus Nellys Mund, den Sheryl rasch als Trugbild entlarvt. Ansonsten aber dehnt John Carpenters äußerst erfolgreicher Epigone Mike Flanagan (»Ouija«) den perfekten Moment des Horrorfilms so in die Länge, dass er das Blut gefrieren lässt, denn auf dem Seziertisch nebenan sitzt plötzlich Sheryls Mutter. Klar, dass die seit Jahren tot ist.

Relativ frei nach Shirley Jacksons gleichnamigem, mehrfach adaptiertem Romanschocker »The Haunting of Hill House« von 1959 flößt der Zehnteiler weder mit Effekthascherei billiger Slasher-Movies noch mit Splatter-Maskeraden zeitgenössischer Zombieserien Furcht ein. Dem Regisseur und Autor Flanagan reichen dafür nadelstichartige Andeutungen einer unsichtbaren Macht, die das schaurig-schöne Hill House in Gestalt einer geisterhaften Frau besetzt und ihre Bewohner zu psychischen Wracks verschiedenster Art gemacht hat.

Während es die Bestatterin Sheryl (Elizabeth Reaser) ebenso wie ihre bindungsunfähige, aber lebensfrohe Schwester Theo (Kate Siegel) und der erfolgreiche Schriftsteller Steve (Michael Huisman), der für seine Spukgeschichten echte Horrorstorys einsammelt, allerdings noch recht gut getroffen haben, landen die zwei Nesthäkchen der Familie wahrhaftig im Wahnsinn. Luke (Oliver Jackson-Cohen) wird zum drogensüchtigen Loser, seine Zwillingsschwester Nelly (Victoria Pedretti) zerbricht gar vollends an der geisterhaften Erscheinung, die ihr einst am eindrücklichsten im Traum erschienen ist.

All dies macht »Spuk in Hill House« zu mehr als nur gutem Gothic-Horror. Dank eines Casts, der bis in die virtuos verkörperten Kindercharaktere viel Erfahrung mit dem Genre hat, erschafft Mike Flanagan ein Familienepos, das auch diesseits des Übernatürlichen funktioniert.

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