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Für einen Tag im anderen Leben

Sozialsenatorin Breitenbach wird Floristin - ihr »Tauschpartner« zieht ins Abgeordnetenhaus

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 4 Min.

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Elke Breitenbach, Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales, war superpünktlich. Um 9 Uhr war für die LINKE-Politikerin Schichtbeginn in der Floristikwerkstatt der Union Sozialer Einrichtungen (USE) in der Oranienstraße 26. Fünf Minuten vor der Zeit hielt ihr silbergrauer Dienstwagen vor dem Gebäude, das einst eine Schule und ab 1902 die städtische Blindenanstalt beherbergte. 2005 hat die USE im Unionshilfswerk, einer der größten sozialen Träger Berlins, den Kreuzberger Standort übernommen.

180 Menschen, meist mit psychischer Behinderung, finden hier berufliche Bildung, Betreuung, Arbeit und manche den Weg auf den ersten Arbeitsmarkt. Vertreten sind traditionelle Gewerke wie Bürstenmanufaktur, Flechterei, Seifenherstellung, Handbuchbinderei, Malerei, Tischlerei, Verkaufsladen - und Floristik.

Die Senatorin, studierte Politikwissenschaftlerin, geht die Sache beherzt an: »Ich bin leidenschaftliche Kleingärtnerin«, sagt sie. Wichtig sei ihr, dass mit der Aktion »Schichtwechsel« ja vor allem ein Wechsel der Perspektive, des Blicks auf andere Menschen mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten verbunden sei.

Wenige Minuten später trägt Breitenbach die grüne Floristenschürze über dem dunklen Hosenanzug und bereitet gemeinsam mit den anderen Beschäftigten den einmal in der Woche stattfindenden Hausverkauf vor, sortiert Blumensträuße in die Verkaufskörbe, bevor es durch die einzelnen Werkstätten geht.

Die Aufregung in der USE-Einrichtung ist groß. Zwar ist einer von ihnen, Christian Heinrich, der lange als Florist gearbeitet hat und inzwischen stellvertretender Vorsitzender ihres Werkstattrates ist, an diesem Tag zum »Schichtwechsel« ins Abgeordnetenhaus aufgebrochen. Doch sorgt der hohe Besuch im eigenen Haus für sehr viel Stress. »In der Floristik arbeiten sonst 18 Frauen und Männer, aber heute sind nur acht gekommen. Für die anderen war das wirklich zu aufregend«, sagt Bibiana Ittner, eine der beiden betreuenden Fachkräfte.

Der Hausverkauf ist laut Ittner Teil der Übung. »Es geht um Kundenkontakt, und darum, dass unsere Mitarbeiter lernen, ihre Hemmschwelle zu überwinden. Sie üben das Werben, Rechnen und Kassenabrechnen«, erläutert sie. »Die Floristik beliefert zahlreiche Kunden mit gehobenen Qualitätsansprüchen - also muss geübt werden.«

Auch der Senatorin fehlt etwas Übung. Elke Schlüter, die Sozialarbeiterin, nimmt ein Sträußchen Rittersporn für daheim, aber nach etwas Zureden kommt noch ein Herbststrauß für den Diensttisch dazu - das alles für 8,50 Euro. Die Kasse macht Vahid Moftakhai, der im vierten Jahr als Florist arbeitet. Dem 30-Jährigen macht der Vertrauensjob Freude.

In der Töpferei von Uta Kalski, in der es Tonglocken als Schutz für Meisenknödel und sogar Weihnachtliches gibt, wechselt ein Strauß mit Physalis die Besitzerin. Kalski ist gelernte Töpferin und hat eine Ausbildung als Sonderpädagogin, sie betreibt die Töpferei in der USE seit fünf Jahren.

Überhaupt wird klar, dass die USE bei aller sozialen Verantwortung auch ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen ist. So erledigt die Malerei nach eigenem Bekunden »Aufträge von der Sozialwohnung bis zum Fünf-Sterne-Hotel«. Und Gundolf Hans, ein gelernter Buchmacher, fertigt mit seinen Mitarbeitern in der Schachtelmacherei zarte Pappschachteln aller Formate für die gehobene Papeterie. Mit japanischem Siebdruckpapier bezogene Geschenkboxen, Schachteln für feines Naschwerk oder für Juwelierprodukte, für die er jährlich auf der »Nordstil«-Messe in Hamburg wirbt.

Während Elke Breitenbach schließlich lernt, gemeinsam unter Zeitdruck den Blumenschmuck für die Kantine zu arrangieren, sitzt ihr »Schichtwechsel«-Partner Christian Heinrich im Fachausschuss Integration, Arbeit und Soziales im Abgeordnetenhaus. Drei Stunden hört sich der Rollstuhlfahrer, der auf Breitenbachs Platz im Präsidium neben Staatssekretär Alexander Fischer (LINKE) sitzt, die Anhörung von Vertretern der Berliner Kältehilfe an. Es ist eine körperliche Herausforderung. Doch der 35-jährige gelernte Koch, der Breitenbach über Facebook verbunden ist, ist schwer beeindruckt. Er hat eine Botschaft für sie: »Liebe Frau Breitenbach, ich war sehr überwältigt, wie umfangreich eine solche Sitzung ist und wie ausführlich man sich dort mit solch einem Thema befasst, es durchdiskutiert. Und das ist auch gut.«

Fischer hat es eilig. Er ist schließlich auch im Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft Werkstatträte - und die Bundesvereinigung der Landesarbeitsgemeinschaften der Werkstatträte, die rund 300 000 Menschen mit Behinderung vertritt, begeht am Nachmittag ihr 10-jähriges Bestehen.

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