Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Zuerst das Fressen, dann die Moral

Der gestiegene Konsum von »Tierprodukten« bestimmt die tierschutzpolitische Marschrichtung der EU, meint Stefan Eck

  • Von Stefan Eck
  • Lesedauer: 3 Min.

Der weltweit gestiegene Konsum von »Tierprodukten« bestimmt die landwirtschaftspolitische und tierschutzpolitische Marschrichtung der EU. Gemäß dem allgegenwärtigen Credo »Wachstum und Beschäftigung« sind die Sicherung von Arbeitsplätzen in der Landwirtschaft, in den Nahrungsmittelbetrieben und im Handel sowie die sprudelnden Gewinne und Steuereinnahmen aus diesen Wirtschaftssektoren Brüssel wichtiger als Tierschutzvorschriften, welche die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produzenten gefährden könnten. Dementsprechend dienen die meisten europäischen Tierschutzverordnungen und Richtlinien mehr der »Tiergesundheit«, dem Verbraucherschutz, der Nahrungsmittelsicherung und der Harmonisierung des Binnenmarktes als den Milliarden von »Nutztieren«, die pro Jahr in der EU ihrem »Daseinszweck« zugeführt werden.

Aber nicht nur das politische Establishment degradiert empfindungsfähige Lebewesen zu landwirtschaftlichen Produktionseinheiten und bewertet ihre massenhafte Tötung als legitim - auch der Großteil der Gesellschaft sieht darin weder ein moralisches noch ein politisches Versagen. Die Ernährungsgewohnheiten der Konsumenten wurden durch billige »Tierprodukte« und gezielte Werbemaßnahmen der Erzeuger verändert - ganz im Sinne der Landwirtschaft, der Lebensmittelkonzerne und der Politik, die mit Agrarsubventionen diese Fehlentwicklung noch befeuerte.

Was das Dasein der »Nutztiere« besonders grausam macht, ist nicht nur die Art und Weise, wie sie sterben, sondern vor allem, wie sie leben. Sie werden in winzigen Käfigen eingesperrt, Hörner und Schwänze verstümmelt, Mütter vom Nachwuchs getrennt, Krankheiten durch in Kauf genommen und ein Ausleben ihrer angeborenen Bedürfnisse gezielt verhindert. All dies ist im wahrsten Sinne des Wortes Tierquälerei.

Dass immer mehr Menschen dies als Skandal empfinden, ist die Folge einer an sich höchst erfreulichen Wende der moralischen, rechtlichen und ethischen Bewertung des Tieres. Wir haben zunehmend gelernt, die Mensch-Tier-Verhältnisse nicht mehr primär aus den Interessen des Menschen, sondern aus der mutmaßlichen Perspektive des Tieres zu bewerten. Allerdings hat diese Entwicklung kaum Einfluss auf die Praktiken der industriellen Landwirtschaft gebracht. Verschiedene Umfragen und Studien belegen, dass es den Konsumenten durchaus wichtig ist, wie das Tier gelebt hat, dessen Fleisch sie essen. Doch in den Institutionen der EU, im Bundestag und auch in der Agrarwissenschaft ist man von diesem gesellschaftlichen Wandel unbeeindruckt.

Unzureichender Tierschutz in der Landwirtschaft ist heute die Folge ökonomischen Drucks durch die Weltmarktorientierung des europäischen Agrarsektors. Steigende Standards bei der Fleisch- und Milchproduktion durch politische Vorgaben führen dazu, dass die europäischen Bauern am Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig sind. Da bei Überproduktion und gleichzeitig sinkender Bevölkerung in Europa der Export für die Branche von äußerster Bedeutung ist, wehrt sich die Agrarindustrie in der Regel sehr erfolgreich gegen höhere Tierschutzstandards.

Der Einfluss der Lobbyisten der Landwirtschaftsverbände in Berlin und Brüssel ist immens, was zu einem Totalversagen der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) geführt hat. Auch bei der groß angekündigten Reform der GAP dürften die Landwirtschaftsverbände ihre Interessen wieder einmal durchgesetzt haben. Die EU geht wie immer am Gängelband der europäischen Bauern und verdrängt im Zusammenhang mit der Fleisch- und Milchproduktion, dass in einer globalisierten Weltgemeinschaft das eigene Verhalten globale Auswirkungen hat - und zwar auf Mensch und Umwelt und auf andere Länder und Kontinente.

Der Konsum von »Tierprodukten« ist keine reine Privatsache mehr. Daher sollten wir ihn in einen größeren Zusammenhang setzen und immer wieder neu entscheiden, wie wir leben wollen. Die EU und ihre Mitgliedstaaten könnten durch gezielte Maßnahmen und Gesetze Einfluss auf die Produktionsmenge und die Produktionsweise von Fleisch, Milch und Eiern nehmen. Sie ist jedoch noch meilenweit davon entfernt. Wenn es um Tiere geht, lautet das Credo der EU nach wie vor: Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral!

Der ungekürzte Text von Stefan Eck ist auf www.die-zukunft.eu erschienen.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln