Mach es wie die Eingeborenen

Die identitätspolitischen Kulturkämpfer machen gerne Front gegen kulturelle Aneignung. Ohne diese aber gibt es keine Kunst.

  • Von Wolfgang M. Schmitt
  • Lesedauer: ca. 5.0 Min.

In diesem Jahr wäre das musikalische Universalgenie Leonard Bernstein 100 Jahre alt geworden. Aus heutiger Sicht sind seine Kompositionen, vor allem sein Musical »Candide«, ein Skandal. Denn Bernsteins Werk lebt zu einem großen Teil von kultureller Aneignung. Dass es noch keine Petitionen gegen die Aufführung seiner Werke und für das Entfernen von Porträts und Büsten aus sämtlichen Opernhäusern der Welt gibt, ist vermutlich allein der Tatsache geschuldet, dass die identitätspolitischen Kulturkämpfer von klassischer Musik herzlich wenig Ahnung haben und sich deshalb vorwiegend auf Popsongs, Comicverfilmungen und Gegenwartskunst kaprizieren.

In dem auf Voltaires gleichnamigen Roman beruhenden Musical »Candide« geht nicht nur der Titelheld auf Weltreise, auch die Musik lädt zu einem rasanten Trip durch fremde Kulturen ein - Imperialismus in Reinform also. Eklektizistisch mixt Bernstein unterschiedlichste Musikrichtungen, in einer Ari...

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