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In der Not ...

In Deutschland fehlen Lehrkräfte. Um die Lücken zu schließen, setzen viele Bundesländer deshalb immer häufiger auf Quer- und Seiteneinsteiger. Das stellt die Schulen vor ganz neue Probleme.

  • Von Jürgen Amendt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Anfang des Jahres schlugen die beiden Bildungsforscher Dirk Zorn und Klaus Klemm Alarm. In den Grundschulen müssten bis 2025 aufgrund steigender Schülerzahlen und des geplanten Ausbaus der Ganztagsschulen rund 105 000 neue Lehrkräfte eingestellt werden, rechneten die beiden in einer von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebenen Studie vor. In diesem Zeitraum würden aber lediglich 70 000 Absolventen ihr Lehramtsstudium abschließen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat mittlerweile die Bedarfslücke zugestanden, nachdem sie jahrelang sinkende Schülerzahlen und damit einen zurückgehenden Lehrerbedarf erwartete.

Die Personallücke ist mittlerweile unübersehbar, allerdings nicht überall gleich groß. Länder wie Bayern oder Baden-Württemberg oder der Stadtstaat Hamburg bilden seit Jahren über Bedarf aus und versorgen sich zudem mit Lehrkräften aus anderen Bundesländern. Andere wie Berlin, Sachsen, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen müssen dagegen immer häufiger auf sogenannte Quer- und Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf zurückgreifen.

Unter Seiten- und Quereinsteigern werden Personen verstanden, die kein Lehramt studiert haben, aber über eine berufliche bzw. akademische Qualifikation verfügen, die als Zugang zum Lehrerberuf anerkannt werden kann. Bei Seiteneinsteigern handelt es sich um Personen, die ohne grundständige Lehrerinnenausbildung und Vorbereitungsdienst (Referendariat) in den Schuldienst eingestellt werden. Ein abgeschlossenes Hochschulstudium ist nicht zwingend vorgeschrieben.

Es gibt jedoch Unterschiede zwischen den Bundesländern. So knüpft das Land Nordrhein-Westfalen den Quereinstieg an den Nachweis einer mindestens zweijährigen Berufstätigkeit oder einer mindestens zweijährigen Betreuung eines minderjährigen Kindes nach Abschluss des Hochschulstudiums. Quereinsteiger treten direkt in das Referendariat ein, das je nach Bundesland 18 bis 24 Monate dauert. Abgeschlossen wird der Vorbereitungsdienst mit dem zweiten Staatsexamen. Quereinsteiger erhalten nach Übernahme in den Schuldienst eine unbefristete Anstellung und sind laufbahntechnisch Lehramtsabsolventen gleichgestellt.

Sonderfälle sind Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Beide Länder kennen nur den Seiteneinstieg in den Lehrerberuf. In Mecklenburg-Vorpommern müssen Seiteneinsteiger in der unterrichtsfreien Zeit an Fortbildungen teilnehmen, Sachsen schreibt lediglich eine dreimonatige Einstiegsfortbildung vor, anschließend müssen sich die Lehrkräfte fehlende pädagogische Kompetenzen berufsbegleitend aneignen.

Einer KMK-Statistik zufolge hat der Anteil von Quer- und Seiteneinsteigern bei den Neueinstellungen zugenommen. 2015 warben die Schulen bundesweit rund 1500 dieser Neulehrer an, 2016 waren es bereits doppelt so viele und 2017 stieg die Zahl auf 4250 Personen. Damit war mehr als jede zehnte der im vergangenen Jahr 34 281 neu eingestellten Lehrkräfte ein Quer- oder Seiteneinsteiger. An der Spitze steht die Bundeshauptstadt, gefolgt von Sachsen, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. In Berlin waren im Schuljahr 2016/2017 von den 3047 Neulehrern 1266 Quer- und Seiteneinsteiger. Nach Auskunft der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie waren zum Stichtag 1. November 2017 damit bereits 4,2 Prozent aller Lehrkräfte in Berlin Quer- bzw. Seiteneinsteiger, am höchsten lag ihr Anteil in den Grundschulen mit 6,4 Prozent. Gegen Ende des Schuljahres hat sich der Lehrermangel noch einmal verschärft, so dass Ende August, zu Beginn des neuen Schuljahres, unter den 2700 neu eingestellten Lehrerinnen und Lehrern nur noch 1000 waren, die für ihre Tätigkeit voll ausgebildet sind.

Das wirft ein neues Problem auf: Da die Quereinsteiger faktisch noch Auszubildende sind, sind sie keine voll einsatzfähigen Lehrkräfte; sie unterrichten weniger als ihre fertig ausgebildeten Kolleginnen und Kollegen. Dennoch ist die Unterrichtsbelastung hoch, berichtet Bärbel Pobloth. Manche Quereinsteiger ließen sich leicht integrieren, andere seien oft von Anfang an »heillos überfordert«, sagt die Leiterin der Carlo-Schmidt-Oberschule in Berlin-Spandau. Die 63-Jährige führt das neben dem hohen Ausbildungspensum darauf zurück, dass viele der Quereinsteiger aus nichtpädagogischen Berufen kommen, zum Beispiel aus der Wirtschaft oder aus den Universitäten, wo sie mit jungen Erwachsenen, nicht aber mit einer hinsichtlich Leistungsbereitschaft, Alter, sozialer und kultureller Herkunft heterogenen Lerngruppe zu tun hatten. »Die Unterrichtsverpflichtung der Quereinsteiger muss deutlich reduziert werden, mehr als 13 Stunden sind nicht empfehlenswert«, fordert sie.

Von diesem Unterrichtsumfang ist man in Berlin noch weit entfernt. Im vergangenen Schuljahr betrug die Unterrichtsverpflichtung für Quereinsteiger in der Hauptstadt 19 Stunden in der Woche, im neuen Schuljahr müssen sie eine Stunde weniger unterrichten, ab dem Schuljahr 2019/20 ist eine weitere Reduzierung um eine Stunde geplant.

Der Vorsitzende der Berliner GEW, Tom Erdmann, sieht zudem in der ungleichen Verteilung der Quereinsteiger ein Problem. »Manche Schulen können noch immer eine Bestenauslese aus den Laufbahnbewerberinnen und -bewerbern vornehmen, während bei anderen das halbe Kollegium mittlerweile aus Quereinsteigern besteht. Hier ist die Unzufriedenheit besonders groß und wir fordern deshalb eine steuernde Personalpolitik des Senats«, erklärt er. Sorgen bereitet Erdmann zudem, dass die Zahl der Quereinsteiger wächst, die Fächer nachstudieren müssen. Diese Überlastung mache sich im Schulalltag u.a. durch höhere, krankheitsbedingte Fehlzeiten bemerkbar.

Über langjährige Erfahrungen mit Quer- und Seiteneinsteigern verfügt man in Rheinland-Pfalz. Dort griff man zu Beginn der 2000er Jahre im Sekundarbereich I auf diese Notmaßnahme zurück. Mittlerweile aber bildet das Land wieder über seinen Bedarf an Lehrkräften aus. Die Erfahrungen mit den Quereinsteigern seien durchweg positiv gewesen, sagt der Landesvorsitzende der GEW, Klaus-Peter Hammer, der damals noch in der Lehrerausbildung tätig war. Aus dieser Zeit wisse er aber auch, dass der Quereinstieg eine »sehr harte Tour« sei. Die Abbrecherquote sei deshalb sehr hoch gewesen.

Eigentlich sollten Quereinsteiger nur eine Notlösung auf Zeit sein, doch angesichts steigender Schülerzahlen wird der Quer- und Seiteneinstieg zum Dauerzustand an den Schulen werden. Jene Bundesländer, die schon heute besonders häufig auf diese Maßnahme zur Deckung des Lehrerbedarfes zurückgreifen müssen - Berlin, Sachsen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen - erklärten auf Nachfrage, dass sie davon ausgehen, ihren Lehrerbedarf weiterhin zum Teil über Quer- und Seiteneinsteiger in den Beruf abzudecken.

Angesichts dieser Entwicklung fordert die Schulexpertin der GEW, Ilka Hoffmann, bundesweit gültige Mindeststandards für den Quer- und Seiteneinstieg. »Akzeptabel sind für uns als Gewerkschaft nur der Quereinstieg sowie gleichwertige Weiterbildungsmaßnahmen für Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger«, betont die Leiterin des Bereichs Schule beim GEW-Bundesvorstand; ein Vorbereitungsdienst oder ein dem zweiten Staatsexamen gleichgestelltes Zertifikat müsse die Voraussetzung bleiben, um in der Schule unterrichten zu dürfen.

Dirk Zorn, Klaus Klemm: »Lehrkräfte dringend gesucht - Bedarf und Angebot für die Primarstufe«, Bertelsmann, Januar 2018 Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen 2016 bis 2030, Mai 2018: www.kmk.org

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