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Clara Zetkin auszublenden ist historisch falsch

Janine Wissler empfindet es als Frechheit, dass die Bundesregierung den Einsatz von Clara Zetkin für das Frauenwahlrecht ausblendet

  • Von Janine Wissler
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Bundesregierung bewirbt ihre Jubiläumskampagne mit Postkarten, Flugblättern und Stoffbeuteln. Darauf zu sehen sind die Konterfeis von vier Frauen: Die Sozialdemokratinnen Elisabeth Selbert und Marie Juchacz, Helene Lange von der Deutschen Demokratischen Partei und Helene Weber von der Zentrumspartei und später CDU. Unsere Regierung ist also offenbar der Ansicht, dass das Frauenwahlrecht allein von sozialdemokratischen, konservativen und liberalen Frauen erkämpft wurde.

Wie sonst ist es zu erklären, dass zentrale Figuren der Frauenbewegung, Sozialistinnen wie Clara Zetkin, gar nicht oder nur am Rande genannt und gewürdigt werden? Auf der Homepage der Kampagne wird Clara Zetkin wenigstens erwähnt, aber offenbar möchte das Bundesministerium nicht, dass die Menschen mit einem Porträt von ihr auf einem Tragebeutel herumlaufen. (Ob Zetkin selbst Wert darauf gelegt hätte, ist fraglich.)

Es geht nicht darum, den Einsatz der ausgewählten Persönlichkeiten zur Gleichstellung von Frauen zu schmälern. Insbesondere die Sozialdemokratin Elisabeth Selbert kämpfte im Parlamentarischen Rat - zunächst übrigens ohne die Unterstützung von Helene Weber - für die Verankerung der Gleichberechtigung im Grundgesetz und mobilisierte die Öffentlichkeit. Beim Kampf um das Frauenwahlrecht konnte sie aufgrund ihres Alters noch keine entscheidende Rolle spielen. Der erste deutsche Frauenstimmrechtsverein, der »Deutsche Verein für Frauenstimmrecht«, wurde 1902 von Anita Augspurg, Minna Cauer und Lida Gustava Heymann in Hamburg gegründet. Die sozialistische und kommunistische Strömung der Frauenbewegung einfach auszublenden, ist eine Frechheit und historisch falsch. Es waren Sozialistinnen wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg, die ihre Zeit und die Frauenbewegung geprägt haben und für ihre Überzeugung mit Gefängnis bestraft wurden.

Gerade Clara Zetkin hat Zeit ihres Lebens für Frauenrechte gekämpft, erst in der SPD, danach gehörte sie als Abgeordnete der KPD dem Reichstag an, bis sie 1933 vor den Nazis flüchten und ins Exil gehen musste. Unter dem Einfluss von Clara Zetkin nahm die SPD 1891 als erste Partei die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in ihr Programm auf. Clara Zetkin setzte sich auch für die Erwerbstätigkeit und damit die ökonomische Unabhängigkeit von Frauen ein. Sie kämpfte gegen in der Arbeiterbewegung verwurzelte Ressentiments, wonach die Frau die »Schmutzkonkurrentin« des Mannes sei.

Das Frauenwahlrecht allein war für Clara Zetkin nicht ausreichend, um die Gleichberechtigung voranzutreiben. Die Gleichberechtigung von Frauen war für Zetkin untrennbar mit der Klassenfrage verbunden und darin unterschied sie sich von der bürgerlichen Frauenbewegung. Als die Begeisterung für den ersten Weltkrieg in der Gesellschaft hegemonial wurde, wurden Kriegsgegnerinnen wie Clara Zetkin oder Rosa Luxemburg in der eigenen Partei angefeindet. Dennoch gelang es Zetkin, im März 1915 eine internationale sozialistische Frauenkonferenz in der Schweiz zu organisieren. Sie wurde daraufhin als Landesverräterin verfolgt.

Wenn heute an die Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren erinnert wird, müssen alle Strömungen der Frauenbewegung abgebildet und gewürdigt werden mit all ihren Unterschieden, Konflikten und Widersprüchen. Eine maßgebliche Strömung einfach auszublenden, ist eine parteipolitisch geprägte Geschichtsschreibung und Vereinnahmung, die dem Mut und den Errungenschaften dieser Frauen nicht gerecht wird. Wie es anders geht, zeigt die sehenswerte Ausstellung »Damenwahl: 100 Jahre Frauenwahlrecht« im Historischen Museum in Frankfurt am Main. Sie zeigt die ganze breite der Bewegung für das Frauenwahlrecht - inklusive des »Freundinnenpaares Rosa Luxemburg und Clara Zetkin«.

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