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Gewinner, Abgehängte und Nichtwähler

Die soziale Landschaft von München spiegelt sich in den Wahlergebnissen wider

  • Von Rudolf Stumberger, München
  • Lesedauer: 4 Min.

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Dienstagabend, 21 Uhr in der Münchner Innenstadt. Pegida ist wieder mal unterwegs, doch ähnlich wie bei Kundgebungen der AfD besteht das Publikum vor allem aus Polizisten. Wutbürger tun sich eher schwer in der bayerischen Landeshauptstadt. Doch es gibt sie. Zum Beispiel den älteren, allen Anschein nach gut situierten Herren, der sich in der Weinstube unter dem Rathaus ereifert, diesmal werde »anders« gewählt. Weil die Züge so unpünktlich seien und früher habe es das nicht gegeben. Freilich, die Mehrheit der Stimmen für die Rechtspartei werden wohl in jenen Stadtteilen abgegeben, in denen nicht die Gewinner der Globalisierung wohnen.

Diese potenziellen Gewinner findet man in den Innenstadtvierteln mit den begehrten Altbauwohnungen, hier im Lehel, der Maxvorstadt oder der Isarvorstadt ist der Anteil der Grünen-Stimmen besonders hoch, in der Isarvorstadt holte die Ökopartei bei der Bundestagswahl 25,6 Prozent der Stimmen und auch in zwei anderen Stadtteilen konnte sie die CSU auf Platz zwei verweisen.

Hier lebt zum Beispiel Isabell, die von Haus aus international eingestellt ist. Sie wurde in Italien geboren und arbeitet als Übersetzerin. Ihr Mann ist an der Universität tätig und hält Vorträge bei Partnerhochschulen in Südamerika. Hier wohnt auch Herbert K., Physiker, der vor zehn Jahren ein Start-Up mit medizinischen Analyseapparaten gründete und diese Geräte seitdem zwischen San Francisco und Beijing verkauft. Und zu der Gruppe der Modernisierungsgewinnler in München gehört auch Madeleine, die in einem internationalen Konzern in der Marktforschung tätig ist. Im Unternehmen wird Englisch gesprochen und zu dem Milieu gehört es, mal schnell einen Mädelsabend an der kroatischen Adriaküste zu organisieren und den Jahresurlaub auf den Philippinen zu verbringen.

Wenn man so will, zeigt die neoliberale Globalisierung hier ihr freundliches Gesicht. Man setzt sich ein für Menschen- und Frauenrechte, ist gegen das neue Polizeiaufgabengesetz und gegen den Überwachungsstaat, ist ökonomisch eher gut gestellt und kulturell weltoffen. Diese Menschen werden wohl zu dem guten Ergebnis der Grünen bei der Landtagswahl am Sonntag beitragen.

Die Globalisierung zeigt sich aber auch am anderen Ende der Skala - nämlich unten. Zum Beispiel unter den Isar-Brücken. Dort nächtigen die obdachlosen Tagelöhner aus Bulgarien oder Rumänien. Auch die Flüchtlinge aus Afghanistan und Somalia sind Teil dieser Globalisierungsgruppen.

Und dann gibt es die Stadtviertel, in denen die Angehörigen der verbliebenen Arbeiterklasse wohnen. Milbertshofen zum Beispiel oder das Hasenbergl und Giesing. In diesen Stimmkreisbezirken wohnen viele Nichtwähler. Zudem hat hier die AfD bei der Bundestagswahl die meisten Stimmen in der Stadt bekommen.

In diesen Vierteln leben Menschen wie Walter und Sabine. Beide arbeiten bei der Stadt, er bei der Müllabfuhr, sie in der Verwaltung. Ihnen geht es so weit gut, Kinder haben sie keine, dafür zwei Gehälter zur Verfügung. Globalisierung heißt hier mal ein Urlaub auf Mallorca oder in Antalya. Ansonsten verbringt man die Freizeit vor allem auf dem Campingplatz mit fest installierten Wohnwagen. Die Wohnung ist sehr aufgeräumt, Bücher gibt es eher keine, der Fernseher spielt eine große Rolle. Man bewundert große Portionen auf den Tellern der Gaststätte, geht schon mal auf Schnäppchenjagd und Fußball ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Man hat auch eine günstige Genossenschaftswohnung erkämpft, nur laut ist sie wegen des Straßenverkehrs.

Sie gehören zum sogenannten traditionslosen Arbeitermilieu, das bereits seit eineinhalb Jahrzehnten als nicht mehr repräsentiert gilt - weder in den etablierten Parteien noch in den Medien. Was die Menschen dort umtreibt, ist nicht, dass ihre Lage direkt prekär wäre. Man kann sich schon etwas leisten. Aber sie finden, dass es zunehmend ungerechter zugeht in der Gesellschaft, dass »die da oben« sich ungehemmt bereichern. Und dann steht die AfD mit falschen Antworten bereit.

Schließlich gibt es noch die vollständig Abgehängten. 75 000 Münchner müssen von Hartz IV leben. Die Zahl der Armutsgefährdeten liegt insgesamt bei fast 270 000. Die soziale Schere weitet sich: Der Anteil derer mit überdurchschnittlichen Einkommen und der Anteil der Armen an der Münchener Bevölkerung sind jeweils größer geworden. Und ganz unten hat man kein Interesse mehr an Politik.

Zum Beispiel im Stimmbezirk 2414. Der liegt im Norden vom Hasenbergl und umfasst etwa die Stösser- und Wintersteinstraße. Früher, in den 1960er Jahren, war hier eine Barackensiedlung. In dem Viertel stehen heute Alte, Arbeitslose oder Alleinerziehende an der »Tafel« für Lebensmittel an. Es gibt einen Zusammenhang zwischen sozialer Lage und politischer Beteiligung. In diesem Stimmbezirk heißt dieser Zusammenhang Resignation. Bei der Landtagswahl 2013 lag hier die Wahlbeteiligung bei 20 Prozent. Das war die niedrigste Quote im gesamten München.

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