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Die Mauern und ihre Klänge

Der Videoessay »Walled Unwalled« des Künstlers Lawrence Abu Hamdan in der daadgalerie

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Lawrence Abu Hamdan: »Walled Unwalled« 2018
Lawrence Abu Hamdan: »Walled Unwalled« 2018

Dunkle Scheiben schirmen das Erdgeschoss des Kreuzberger Hauses ab. Das getönte Glas weist alle Lichtreflexe ab. Es wirkt, als hätte sich eine Hand voll Investmentbanker in der einstigen Hausbesetzergegend eingerichtet. Dem ist nicht so, noch nicht so, darf man erleichtert konstatieren. Noch ist hier die Galerie des Künstleraustauschprogramms DAAD. Das aktuelle Projekt »Walled Unwalled« korrespondiert aber auf kongeniale Art mit der visuellen Abschirmung zur Straße hin. Denn der in Jordanien geborene und in Beirut arbeitende Lawrence Abu Hamdan operiert mit dem, was durch Mauern aufgehalten wird, und dem, was dennoch durch sie dringt - mit Klängen und Geräuschen.

Das ist etwa der Schrei, den die Freundin des Leichtathleten Oscar Pistorius ausstieß, als sie von diesem erschossen wurde. Der Schrei drang ans Ohr der Zeugin Michelle Burger, die ihn und die Salve von vier Schüssen trotz des 20 Zentimeter dicken Mauerwerks vernahm. Wie die Rekonstruktion vor Gericht ergab, war die Badezimmertür nur drei Zentimeter dick. Sie wirkte als Membran, das vibrierende Mauerwerk als Resonanzkörper.

Abu Hamdan geht mit seinen akustischen Rekonstruktionen noch weiter. Gemeinsam mit der Gruppe Forensic Architecture erstellte er auf Basis der Hörerinnerungen von Gefangenen im berüchtigten syrischen Militärgefängnis Saydnaya ein Modell des Gefängniskomplexes. In seinem Videoessay integriert er Interviewaussagen von Inhaftierten, in denen diese vom Klang der Schläge erzählen, denen Mitgefangene in den Folterzellen ausgesetzt waren und deren Schallwellen durchs ganze Gebäude drangen. »Es hörte sich an, als würde ein Haus abgerissen, so stark war das Geräusch, und so sehr vibrierten die Wände«, heißt es in einer Interviewpassage.

Abu Hamdan macht die Architektur des Gebäudes für diesen Effekt verantwortlich: Über die langen Flure seien die Geräusche zum Turm in der Mitte gelangt und von dort verstärkt in alle Flügel geleitet worden. Auch das Schlaginstrument, ein dünnes Rohr, trüge zum Effekt bei. Denn ein Detonationsgeräusch entfahre beiden Enden des Rohrs im Moment des Schlages auf einen menschlichen Körper. Und dieses Geräusch werde durch das vibrierende Mauerwerk noch verstärkt. Der Künstler führt diese akustischen Phänomene auf den Gefängnisbau in der DDR ab den 1960er Jahren zurück. Die Bauweise habe sich später in Osteuropa, aber auch in Kolumbien, Angola, Ägypten, Libanon und Syrien durchgesetzt, sagt er.

Seinen Videoessay nahm er passenderweise im früheren DDR-Funkhaus in der Nalepastraße auf. Man sieht ihn in den Hörspielstudios. Dort werden während der Aufzeichnung des Vortrags Klangmanipulationen mithilfe der mobilen Wände vorgenommen. Die Wände sind zudem mit unterschiedlich reflektierenden Materialien beschichtet. Auf die großen Glasscheiben der Regieräume werden hingegen Videosequenzen der Interviews mit den Ex-Häftlingen aus Saydnaya projiziert.

Abu Hamdan stellt aber auch noch andere Technologien vor, die Mauern durchdringen können: Die Radiowellen etwa, die der Propagandasender Radio Free Europe nach Osteuropa sandte, oder Wärmebildkameras, mit denen Temperaturunterschiede sichtbar gemacht werden können. Er geht länger auf den Fall eines Marihuana-Pflanzers in den USA ein, der aufgrund der Wärmebildaufnahmen überführt wurde, dann aber den Gerichtssaal als freier Mann verließ, weil die Richter es als Verletzung der Privatsphäre erachteten, wenn Ermittler mit technischen Hilfsmitteln, die über die Fähigkeiten des menschlichen Auges hinausgehen, ohne richterlichen Beschluss ein Objekt überwachen. Das Urteil wurde am 11. Juni 2001 gesprochen, genau drei Monate vor dem Anschlag auf das World Trade Center. In dessen Folge nahmen unter dem Label »Kampf gegen den Terror« Überwachung und Ausforschung extrem zu.

Abu Hamdans 20-minütiger Essay reißt viele Themenkreise an. Er thematisiert Mauern und ihre porösen Stellen. Das ist eine leise, gleichzeitig sehr eindringliche Arbeit hinter den dunklen Scheiben der Galerie.

Lawrence Abu Hamdan: Walled Unwalled. Bis 18. November, Di - So: 12 - 19 Uhr, daadgalerie, Oranienstraße 161, Kreuzberg.

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