Nicht ob, sondern wie wir es schaffen

Aleida und Jan Assmann forderten in ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises Integration und Solidarität

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 5 Min.

Mir blieb die Spucke weg«, bekannte Aleida Assmann vor der Preisverleihung auf der Buchmesse. Sie hatte im Frühsommer den Anruf des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels entgegengenommen, der ihr verkündete, sie und ihr Mann würden den Friedenspreis erhalten. Jan Assmann weilte gerade zu einer wissenschaftlichen Beratung in Tübingen. Es sei eine Tortur gewesen, tagelang - bis zur öffentlichen Bekanntmachung des Juryentscheids - schweigen zu müssen, gestand die studierte Anglistin und Ägyptologin, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. »Als dann die Bombe platzte«, seien die beiden »total überwältigt« gewesen von der Vielzahl der Anrufe und E-Mails; von einer Öffentlichkeit, die das Wissenschaftlerpaar nicht gewohnt ist. Was ein Fototermin auf der Messe denn auch bestätigte: Stocksteif und scheu, verlegen lächelnd, standen sie beieinander, bis eine Fotografin sie aufforderte: »Rücken Sie doch mal ein bischen zueinander, sie dürfen sich auch berühren.«

Es ist das zweite Mal in der Geschichte des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, dass ein Paar geehrt wird: Aleida Assmann, weil sie mit ihren Büchern gegen Geschichtsvergessenheit und für einen offenen, ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit streitet, der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann ob seines umfangreichen wissenschaftlichen Werkes, mit dem er Debatten über den Zusammenhang von Religion und Gewalt sowie zur Genese von Intoleranz und absoluten Wahrheitsanspruch anstieß.

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins, verwies beim Festakt am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche auf den bevorstehenden 70. Jahrestag der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen, die nicht nur postulierte: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren«, sondern auch das Recht auf Gedanken-, Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit sowie das Recht auf gesellschaftliche Partizipation und Kulturgenuss fixierte. Aleida Assmann habe den Menschenrechten Menschenpflichten beigesellt, die »zur Grundlage unseres Handelns« werden müssen, um »die Spaltung unserer Gesellschaft und die Probleme der Einwanderung und Migration zu bewältigen - mit Empathie und Respekt, also mit Tugenden, die in fast allen Kulturen eingeübt wurden und die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander bilden«.

Die Laudatio auf die Preisträger hielt Hans Ulrich Gumbrecht, deutsch-amerikanischer Romanist, Literaturhistoriker und Freund der beiden Assmanns. Auch er begann mit einem historischen Rückgriff: »Das Paulskirchen-Ereignis des Jahres 1848 hat sich als ein prekärer Beginn der Demokratie in Deutschland erwiesen.« Sodann sprach von einer »Zeit schwindender Gewissheit«, trotz der doch hoffnungsvollen Neuinterpretationen der Aufklärung nach 1945 und 1989. Gumbrecht erinnerte sich seiner »damnatio memoria« gegen einen einstigen akademischen Lehrer in Konstanz, über dessen sechsjährige Angehörigkeit in der Waffen-SS er erst später erfuhr. An seinem Verdikt, das ihm eine Kontroverse mit Aleida Assmann einbrachte, halte er zwar fest, könne aber auch den Standpunkt des »Verstehen-Wollens« der langjährigen Freundin nachvollziehen, die in seinem Verdammungsurteil »ein Bedürfnis nach Dekontamination« entdeckte. Er zitierte Aleida Assmann: »Es gilt ein Werk in toto zu diskreditieren, um einen Namen aus den Annalen der Wissenschaft zu streichen. Das ist aber nicht so einfach, wenn man - im Bilde gesprochen - diesen Stahlträger beseitigt, stürzt ein größeres Gebäude zusammen. Dann müssten auch ganze literaturtheoretische Paradigmen entsorgt ... und eingestampft werden.«

Tatsächlich ist das der ewige Streitpunkt, der eine Kohorte bundesdeutscher Intellektueller betrifft, darunter Martin Walser. Vor der Preisverleihung hatte »nd« die Gelegenheit, Aleida und Jan Assmann einige Fragen zu stellen, natürlich auch nach eben jenem Schriftsteller, einstigem Flakhelfer und NSDAP-Mitglied, der vor zwanzig Jahren in der Paulskirche über eine angebliche »Auschwitz-Keule« klagte: »Wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.« Aleida Assmann antwortete »nd«, sie sei »nicht glücklich« über Walsers Rede gewesen, sie habe diese als gesellschaftlichen Seismografen wahrgenommen, als ein »letztes Aufbäumen« einer Generation, die unter der NS-Diktatur ideologisiert und von der Schulbank weg in den Krieg geschickt worden ist. Die Publizistin, die ein Büchlein über Walsers Rede geschrieben und einen Film über die Flakhelfergeneration gedreht hat, betonte, dass Schuld stets individuell sei, man aber kollektive Verantwortung einfordern könne und müsse. Dass das Gerede von Stolz und Ehre, das bei Walser 1998 anklang, heute vielstimmiger und lautstärker ist, überrasche sie. »Eine Aversion kehrt zurück, die ich nicht für möglich gehalten habe«, sagte Aleida Assmann dem »nd«. In der Dankesrede in der Paulskirche, in der sich die Assmanns auf Karl Jaspers und Hannah Arendt sowie Stéphan Hessels »Empört euch!« bezogen, hieß es: »Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen ... Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung - Stichwort ›Vogelschiss‹ - zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen gegangen wurden.« Aleida und Jan Assmann wiesen auf einen gravierenden Unterschied hin: »Beschämend ist allein die Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie.«

Erinnerung begründet Identitäten. Identitäten können ausgrenzen und einschließen. Identitätsstiftende Versuche der Politik sollten bedacht erfolgen. Zwei Tage vor der Preisverleihung hatte »nd« wissen wollen, wie Aleida Assmann die 2017 von Thomas de Maizières formulierten Thesen fand. Sie habe diese insofern begrüßt, als sie offenbarten, »wie wir Deutschen ticken« und »einen notwendigen Diskurs anstießen«. Das Leitkulturkonzept lehne sie strikt ab. Das Einwanderungsland Deutschland müsse sich neu erfinden. »Nicht was uns trennt, sondern was uns verbindet, müssen wir entdecken und herausstellen«, antwortete sie. In ihren Dankesworten in der Paulskirche bekräftigten in diesem Sinne Aleida und Jan Assmann: »Die zentrale Frage ist nicht mehr, ob wir die Integration schaffen oder nicht, sondern wie wir sie schaffen. Im Moment sieht es fast so aus, als ginge die Entwicklung rückwärts.« Dem Befund ist leider zuzustimmen.

Es bleibe nicht unerwähnt, dass Jan Assmann beim Pressetermin auf Wunsch des »nd« einen knappen Einblick in seine Forschung gab. Seine Ansicht, dass es im Ägypten der Pharaonen, »bis auf 200 Jahre«, keine Sklavenhaltergesellschaft im Sinne von Karl Marx und Max Weber gab, »die beide keine Ägyptologen waren«, überzeugt nicht wirklich. Das lag wohl am Zeitmangel für einen intensiveren Diskurs. Das viel gefragte Ehepaar musste zum nächsten Date.

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