Karl beugt sich nicht

»Der letzte Kommunist«

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein halbes Jahrhundert: 1968 bis 2018. Dieses Jahr war es wieder Zeit, einen radikalen Aufbruch zu feiern, dessen Macher und Macherinnen sich langsam aus dem aktiven Leben zurückziehen - oder dies schon getan haben. Sie verschwinden, ohne Spuren zu lassen, scheint es.

Doch der Schein trügt, und Eberhard Rathgeb hat mit seiner traurigen Geschichte vom »letzten Kommunisten« Karl und seiner Schwester Emilie nicht recht. Er irrt in seinem Fokus auf dem Scheitern, das in den globalen Jugendbewegungen der Revolte jener Zeit eben nicht angelegt war. Und er irrt in der tristen Mühsal, die der gealterte und dennoch nicht geläuterte Karl so offensichtlich empfindet.

Die Anfänge und Wirkungen politischer Initiativen erweisen sich doch immer erst retrospektiv als solche. Karl ist müde, aber ungebrochen. Karl beugt sich nicht. Karl stirbt. Doch enden mit ihm die Wut und der Protest?

Man wünscht sich in diesen unseren Zeiten, die von Rassismen, neuem Faschismus, Intoleranz und Hass künden - in Chemnitz und anderswo - eine Literatur, die politisiert. Etwas weniger Egotrip und Nabelschau, Selbstmitleid und zynische Äquidistanz.

»Mit Gedichten, Geschichten und Bildern lässt sich nichts erklären«, sagt Karl in Rathgebs Roman. Und doch wünscht man sich Respekt für den Protagonisten einer Ära, und für das, was er vertritt. »Er ist wirklich der Repräsentant eines radikalen und radikalisierten Lebens und Denkens«, sagte der Autor über seinen Protagonisten in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Und doch beschreibt er ihn als tragische Figur: Trümmerkind, aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland, Schule in der Provinz, Studium in der Stadt. Irgendwie ein ganz gewöhnliches Leben. Karl hat - außer seinem starken, revolutionären Willen - wenig Eigenes, Individuelles. Auch andere Figuren werden nur angedeutet: Autoren, die mit dem Kommunismus liebäugelten - mal könnte Max Frisch gemeint sein oder an anderer Stelle Hans-Magnus Enzensberger. Namen lesen wir keine. Eine weitere kleine Flucht des Autors. Wäre die Nennung zu viel Realität? Oder die falsche?

Ich habe Schwierigkeiten mit kontemplativer Belletristik, mag Handlung lieber als die Dominanz schöner Worte und ausgefeilter Sätze. Insofern fällt mir eine Zusammenfassung der Geschichte, die Rathgeb vielleicht erzählen will - so das seine Intention ist - schwer.

»Seine Feunde würden nichts Persönliches über ihn erzählen, sie dachten wie er. Sie wären nicht seine Freunde gewesen, wenn sie über ihn Anekdoten wiedergegeben hätten, als sei er eine Person, an der sich die öffentliche Neugier rasch sättigen sollte«, schreibt der Rathgeb. Mag sein, dass es ihm eher darum ging, zu zeigen, dass Karl, der letzte Kommunist, seinen Weg nicht mehr weitergehen kann. Wir aber könnten es doch versuchen.

Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist, Hanser Verlag, 267 S., geb, 23€

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