Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Am Ende gewinnt immer die Bank

Die neuen Träger des Wirtschaftsnobelpreises liefern falsche Antworten auf Klimakrise und Armut, warnt der Eduardo Gudynas vor einer Bepreisung der Natur

  • Von Eduardo Gudynas
  • Lesedauer: 3 Min.

Der Nobelpreis, vergeben von der Schwedischen Reichsbank, ist dieses Jahr an zwei Ökonomen gegangen, die sich mit Umwelt und Entwicklung auseinandersetzen. Schnell kam Verwirrung auf, weil einige die Preisverleihung tatsächlich so verstanden haben, dass die Mainstream-Wirtschaftswissenschaften endlich Umweltfragen mitdenken. Oder dass wir vor einem Neuanfang von Entwicklung stünden.

Doch das ist nicht der Fall. Der Nobelpreis für Wirtschaft 2018 stärkt den Mythos vom Wirtschaftswachstum als Ziel von Entwicklung sowie den Glauben daran, dass die ökonomische Krise innerhalb des Marktes gelöst werden kann. Es wird sogar in Lateinamerika Leute geben, die die Nobelpreisvergabe nutzen werden, um jene Entwicklungsstrategien zu verstärken, die uns zu reinen Rohstofflieferanten der Globalisierung verdammen.

Der Nobelpreis wurde den beiden US-Amerikanern William D. Nordhaus für seine Beiträge zum Klimawandel und Paul M. Romer für seine Forschungen zur Rolle technologischer Innovation und Wachstum vergeben. In Lateinamerika ist Nordhaus sehr bekannt. Gemeinsam mit dem neoliberalen Nobelpreisträger Paul A. Samuelson schrieb er eines der am meisten gelesenen Wirtschaftstexte des Kontinents.

Nordhaus gilt als Pionier der ökonomischen Analyse über den Klimawandel. Er berechnete die »sozialen Kosten« der schädlichen CO2-Emissionen und schlug eine Kohlendioxid-Steuer vor, um die Erderwärmung zu bremsen. Romer forschte zur Rolle von Wissen und Technologie zur Förderung von Wirtschaftswachstum. In Lateinamerika ist er auch dafür bekannt, sich mit seinen Chefs in der Weltbank zu streiten, weil er Chile in einem Weltbank-Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit verteidigt.

Beide Forscher tragen jedoch dazu bei, die Rolle der Märkte zu stärken. Der eine durch seinen Vorschlag, einen globalen Kohlenstoffmarkt zu etablieren. Der andere dadurch, Ideen und Wissen besser in den Markt zu integrieren. Beide glauben fest daran, dass Entwicklung gleich Wirtschaftswachstum bedeutet. Und beide Wissenschaftler sind der Meinung, dass die Klimakrise durch Anpassungen innerhalb des Kapitalismus gelöst werden kann.

Dabei warnen Fachleute vor einer »Bepreisung« von Elementen und Prozessen in der Natur. Es ist schon schwierig, bestimmten Problemen und Orten einen ökonomischen Wert zu geben. In dem Moment, in dem diese Faktoren in großem Maßstab ablaufen, werden auch die Unsicherheiten größer. Die Methode von Nordhaus zur Berechnung des CO2-»Preises« endet folglich in einem Wirrwarr, wenn er mal von acht US-Dollar, später von 21 US-Dollar pro Tonne Kohlendioxid spricht.

Romer hingegen hat die Vorstellung vom unaufhörlichen Wachstum weiter gestärkt, indem er davon ausgeht, dass die Ideen das Wachstum für die Ewigkeit nähren. Folgen wir seiner Argumentation, dann spielt es keine Rolle, ob Chiles Kupfer oder Venezuelas Erdöl aufgebraucht werden. Alle Volkswirtschaften könnten allein dank neuer Ideen, Erfindungen und Technologien wachsen, was Romer als »endogenes Wachstum« bezeichnet. Was wir Lateinamerikaner seit Jahrzehnten wissen, Romer aber aus seiner Analyse ausschließt, ist der Umstand, dass dieses Wissen monopolisiert, patentiert und vom globalen Norden kontrolliert wird. Auch wenn einige Länder der Region versuchen, sich etwa durch Biotechnologie oder Informatik zu diversifizieren, so stecken sie doch wegen Barrieren und Auflagen für diese Innovationen weiter im Export von Rohstoffen fest.

Wieder einmal belohnt der Nobelpreis für Wirtschaft jene Strömung von Ökonomen, die glaubt, ihre Arbeit bestehe in der Ausarbeitung von mathematischen Modellen. Der Preis belohnt auch die Bankiers dieser Welt, die diese Modelle zur Aufrechterhaltung ihrer konventionellen, kapitalistischen Entwicklungsstrategien verwenden, von denen sie so stark profitieren. Am Ende gewinnt eben immer die Bank.

Eduardo Gudynas forscht am Lateinamerikanischen Zentrum für Soziale Ökologie (CLAES) in Montevideo/Uruguay. Er gilt als einer der einflussreichsten Vordenker zu Umweltfragen des Kontinents.

Übersetzung: Benjamin Beutler

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln