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Demografische Entwicklung

Manches Dorf hat Zukunft

Brandenburgs Politik stellte sich für die Gegenden fernab des Berliner Speckgürtels lange Jahre auf einen Schrumpfungsprozess ein. Doch teilweise lagen die Bevölkerungsprognosen falsch.

Von Andreas Fritsche

In der Kita »Pusteblume« in Obersdorf können 48 Kinder betreut werden. Im Jahr 2011 waren aber nur 16 Plätze belegt. Die Stadt Müncheberg, zu der Obersdorf gehört, überlegte, die Einrichtung zu schließen. In weiser Voraussicht entschied die Kommunalpolitik jedoch anders. Heute ist die Kita voll ausgelastet.

Auch in anderen brandenburgischen Städten und Gemeinden außerhalb des Berliner Speckgürtels ist der Bevölkerungsschwund nicht so drastisch ausgefallen wie er einmal prognostiziert war. Es sind mehr Kinder geboren worden als erwartet und auch mehr Menschen in die alte Heimat zurückgekehrt, die nach der Wende auf der Suche nach Arbeit oder einem Ausbildungsplatz in den Westen gezogen waren. Dass in Cottbus die Wohnungen und die Kitaplätze knapp werden, hätte noch vor wenigen Jahren niemand geglaubt. Nun ist es aber so.

»Das Land verändert sich, wie man es nicht erwartet hätte«, sagt die Landtagsabgeordnete Andrea Johlige (LINKE). Alle meinten, man müsse sich außerhalb des Berliner Umlands auf sinkende Einwohnerzahlen einstellen. So begründete die rot-rot Koalition, warum eine Kreisgebietsreform notwendig sei. Die Landesregierung stützte sich dabei jedoch auf neue Bevölkerungsprognosen, während sich die alten Vorhersagen gerade als zumindest teilweise falsch erwiesen. Was die Politiker von SPD und LINKE ihnen erzählten, hatte mit der Lebenswirklichkeit der Menschen wenig zu tun.

Die CDU-Opposition hatte einerseits diesen Widerspruch erkannt, andererseits fuhr sie auch eine Kampagne gegen die Gebietsreform, die auf teils unhaltbaren Behauptungen beruhte, indem sie den Leuten beispielsweise einredete, die Reform gefährde kommunale Krankenhäuser und Verkehrsbetriebe. Was nun den Ausschlag gab, sei dahingestellt. Das Ergebnis jedenfalls ist: Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) musste die Gebietsreform Ende 2017 abblasen.

»Die Politik war 25 Jahre lang aufs Schrumpfen ausgerichtet«, sagt die Landtagsabgeordnete Johlige. »Müssen wir heute nicht umdenken?« In Berlin und im Speckgürtel der Hauptstadt herrscht schon Wohnungsnot. Städte in der zweiten Reihe wie Brandenburg/Havel und Neuruppin, die über eine akzeptable Bahnverbindung verfügen, haben sich herausgemacht und locken Berufspendler an. Selbst für Frankfurt (Oder) an der polnischen Grenze trifft das zu. Wenn auch dort die Wohnungen knapp und teuer werden - in Neuruppin ist eine solche Entwicklung bereits augenfällig -, drängt dies einkommensschwache Menschen ab in Dörfer, in denen kaum ein Bus fährt. Anstatt wie früher Wohnungen abzureißen und Bahnhöfe zu schließen, müsse gebaut werden, weiß Johlige. So über die Randregionen Brandenburgs zu denken, hatten die Abgeordneten aber fast schon verlernt.

Es ist nicht so, dass die Politik komplett geschlafen hätte. Immerhin setzte der Landtag nach der Wahl 2014 eine Enquetekommission ein. Ihr umständlicher Name lautet: »Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels«. Die bislang vorherrschende Sicht auf demografische Probleme sei häufig einseitig und primär von Verlustängsten geprägt gewesen, heißt es von dieser Seite. Man habe jedoch mehr und mehr Argumente für eine optimistischere Sicht gewonnen. Damit werde die zunehmende Ungleichheit zwischen Berliner Speckgürtel und den Räumen außerhalb nicht übersehen, ebenso aber auch nicht »gleichzeitige Wanderungsgewinne, Ansätze von Konsolidierung und Wachstum, Rückkehrerinitiativen und Landlust«. Ein Beispiel für eine positive Entwicklung liefert Neutrebbin, das sich seit Sommer 2018 rühmen darf, das kinderfreundlichste Dorf Brandenburgs zu sein. Gegen den Trend auf dem Lande liegt die Einwohnerzahl dort seit Jahren stabil bei rund 1450. Im vergangenen Jahr sind acht junge Familien hingezogen.

Um ein genaueres Bild zu erhalten, gab die Kommission beim Leipziger Institut für Länderkunde ein detailliertes Gutachten in Auftrag. Herausgekommen ist, dass sich die Schrumpfung in den berlinfernen Regionen flächendeckend abschwächte, dass weniger Jugend abwandern, dass Ältere hinziehen, die in Rente gingen und ihren Ruhestand im Grünen genießen wollen, dass zudem Flüchtlinge kommen, dass dies alles den Sterbeüberschuss jedoch nicht ganz ausgleichen könne und dass es in der Statistik Ausreißer gebe.

Das Gutachten zeige, dass es sehr unterschiedliche Bevölkerungsentwicklungen gebe, sowohl wachsende, als auch schrumpfende Regionen, sagt die Landtagsabgeordnete Anke Schwarzenberg (LINKE). »Die Unterschiedlichkeit müssen wir bei allen Entscheidungen im Blick haben.«