SONNTAGmorgen

Pluralis spaetis

Von Volker Surmann

Es ist eines der unerklärlichen Phänomene Berliner Sprachkultur; rätselhafter noch als die Frage, wie man etwas formschön Vollendetes wie ein leckeres Brötchen im Berlinerischen zur »Schrippe« zerhackt, was klingt wie eine Mischung aus »Schrott« und »Gerippe«, oder ein Ding, das weder ein Kuchen ist, noch jemals einer Pfanne angesichtig wurde, »Pfannkuchen« taufen kann. Derlei habe ich mit dem leisen Zähneknirschen des Zugezogenen akzeptiert: andere Städte, andere Sitten. Doch als gelernter Linguist treibt mich ein anderes Phänomen um, das man auf den Angebotstafeln jedes Spätis beobachten kann: »Süßigkeiten, Getränke, Handykarten, Lebensmittel, Weinsorten, verschiedene Biersorten«. - Vier korrekte Plurale, dann das, was ich den Pluralis spaetis nennen möchte: Die Pluralbildung durch die Suffixisierung des Wortes »Sorten«.

Ich stelle mir vor, dass irgendwo in einem Berliner Späti mal folgender Dialog geführt wurde:

»Alter, ich geb grad neues Schild in Auftrag. Für die Leuchtreklame.« - »Is gut. Altes ist ja schon ein halbes Jahr alt.« - »Was ist denn die Mehrzahl von Bier?« - »Was?« - »Also, wenn jemand mehr als ein Bier will. Komm, was sagt der?« - »Zwei Bier.« - »Nee, ich mein, wenn er mehr will, was sagt er da?« - »Mehr Bier.« - »Nein, ich mein, wenn er zwei verschiedene Bier will.« - »Dann sagt er: Gib mal ein Becks und ein Sterni.«

»Okee. Und wie ist Mehrzahl von Wein?« - »Weine!« - »Das klingt doch voll traurig!« - »Ist aber die Mehrzahl von Wein. Weine!« - »Aber Wein soll fröhlich machen! Will doch nicht, dass die alle vor mei’m Laden stehen und voll am Flennen sind!« - »Kann man machen nix: Ist halt Deutsch!«

»Ich hab auch Schnaps. Was ist Mehrzahl von Schnaps?« - »Spirituosen.« - »Willste mir verarschen?« - »Nee, ist Spirituosen. Ist das Gegenteil von Virtuosen.« - »Vir-was?« - »Virtuosen. Weißt du, Künstler, die voll viel können, Instrumente und so: Geige, Bratsche, Fagott.« - »Und nach ein paar Spirituosen könn’ die nix mehr.« - »Deshalb ja Gegenteil.«

Und dann muss ein Kunde den Späti betreten haben: »Meister, een Bier bitte!« - »Hab verschiedene, was willst’u?« - »Wat für Sorten habta’nn?« - »Hab viele Sorten Bier ... oh!!! ... Hier, geht aufs Haus heute, mein Freund.« - »Danke, Meesta, aber wieso’nn ditte?« - »Du hast grad ein schwieriges linguistisches Problem gelöst, verstehst’u!«

Und dann schrieb der Spätibetreiber »Weinsorten, verschiedene Biersorten, Schnapssorten und Zigarrettensorten« auf den Zettel, der mal eine Leuchtreklame werden sollte. Das Schild ging in Produktion, und da sämtliche Dönerläden- und Spätkauf-Schilder Berlins sehr erkennbar bei ein und demselben Hersteller angefertigt werden, wurde der Siegeszug des Pluralis spaetis unaufhaltbar, und der linguistische Beobachter muss einmal mehr zähneknirschend anerkennen: Vom Plural gibt’s halt auch verschiedene Sorten. Volker Surmann