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Politiker in die Produktion

Von Jürgen Amendt

Die heutige parlamentarische Demokratie kennt einen neuen Typus des Politikers. Dessen wesentlichste Eigenschaft besteht darin, sich zu verstellen, denn er ist Bürger und Volksvertreter in einem. Als solches Zwitterwesen wohnen zwei Seelen in seiner Brust; was er als Bürger weiß oder will, kann oder will er als Volksvertreter weder wissen noch meinen. Kommt der Politiker gar in ein Amt, muss er die Verbindung zu seiner bürgerlichen Existenz trennen, denn der Apparat, dem er jetzt angeschlossen ist, funktioniert als autonomes System, das durch die bürgerliche Realität nur verunsichert wird.

Das muss man wissen, um zu verstehen, warum Politiker so handeln, wie sie handeln. Eine Andrea Nahles etwa möchte vielleicht morgens, wenn sie am Frühstückstisch sitzt, die Koalition mit der Union sofort aufkündigen, wenn sie sich in Erinnerung ruft, was ihre alleinerziehende Putzfrau ihr am Tag zuvor aus ihrem Leben geschildert hat. Als Politikerin kann die SPD-Vorsitzende Nahles aber nur eines: gut funktionieren und Sätze sagen wie diesen über Bundeskanzlerin Angela Merkel: »Ich rieche ihre Schwäche.« Da können Missverständnisse nicht ausbleiben. Etwa das, dass Nahles die SPD immer noch Volkspartei nennt.

Aber es gibt Hoffnung für Nahles und all die anderen Anhängsel der Maschine. Wie dieser Tage bekannt wurde, plant ein TV-Produzent ein neues Sendeformat, das unter dem Titel »Politiker Undercover« bald im deutschen Fernsehen zu sehen sein soll. Für die Sendung werden Politiker maskiert, um inkognito die Realität sogenannter normaler Bürger kennenzulernen. Sie können dann zum Beispiel als alleinerziehende Putzfrau von Frau Nahles erfolglos eine Wohnung für sich und ihre zwei Kinder suchen. Oder sie dürfen einen Tag lang als Pfleger im Altenheim Betten machen und Toilettenschüsseln reinigen.

In der Endphase der DDR gab es die Losung »Politiker in die Produktion«. Wer hätte je gedacht, dass das 30 Jahre später Wirklichkeit wird?