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Bis der Arzt kommt

Ins Spitzenspiel bei den Löwen gehen die Berliner Handballer übermüdet: Nach dem Klub-WM-Finale verlieren sie so auch gegen Mannheim

  • Von Michael Wilkening, Mannheim
  • Lesedauer: 4 Min.

Silvio Heinevetter schüttelte immer wieder den Kopf, manchmal winkte er auch ab. In jedem Fall machte er mit seinen Gesten deutlich, dass er nicht zufrieden war. Der Nationalspieler von den Berliner Füchsen gehört zu den besonders ehrgeizigen und extrovertierten Handballern. So überraschte es nicht, dass dem Torwart am Sonntag am Gesicht ablesbar war, wie es um seine Mannschaft und ihn stand. Heinevetter konnte nicht aus seiner Haut, dabei hätte er mehr Gelassenheit an den Tag legen können, denn die 25:28-Niederlage im Bundesliga-Topspiel bei den Rhein-Neckar Löwen war nicht abwendbar. Der Klub aus der Hauptstadt trat beim Pokalsieger schlicht mit stumpfen Waffen an.

Im Sport, so heißt es, gleichen sich Glück und Pech zumeist im Verlauf einer Saison aus. Manchmal dauert es aber auch etwas länger. In der vergangenen Spielzeit litten die Löwen immer wieder unter den irrwitzigen Spielansetzungen im Handball und mussten mehrmals innerhalb von 48 Stunden erneut antreten, einmal auch binnen 24 Stunden. Einmal waren sogar zwei Spiele zeitgleich angesetzt worden: Der Aufschrei war groß, als die Badener die eigene Reservemannschaft zum Champions-League-Duell nach Kielce schickten, weil parallel in der Bundesliga die Partie beim THW Kiel angesetzt war. »Hoffentlich gibt es so etwas nie wieder«, hatte Löwen-Chefin Jennifer Kettemann im März gesagt.

Beinahe wären die Löwen gestern Zeuge einer Wiederholung geworden, diesmal hatte jedoch der Gegner das Problem. »Eigentlich müssten wir mit der zweiten Mannschaft in Mannheim antreten«, hatte Bob Hanning im Vorfeld des Spiels gesagt. Ganz ernst gemeint war die Drohung des Füchse-Managers nicht, aber sie sollte deutlich machen, welchen Strapazen die Berliner ausgesetzt sind.

Am Freitagabend stand das Team von Velimir Petkovic noch im Finale der Klub-Weltmeisterschaft in Doha, wo sie gegen den FC Barcelona 24:29 verlor. Das Duell gegen die Spanier war das dritte Match innerhalb von vier Tagen und beendete einen Kurztrip in den Wüstenstaat Katar. Von Doha aus jetteten die Berliner über Frankfurt direkt nach Mannheim, wo sie gestern zwar kämpferisch auftraten, aber am Ende ihrer Kräfte und deshalb chancenlos waren.

»Ich muss die Jungs loben für das, was sie noch aus ihren Körpern herausgeholt und welchen Charakter sie gezeigt haben«, sagte Petkovic nach der dritten Niederlage in der Bundesligasaison, durch die der Klub aus der Hauptstadt den Anschluss nach ganz oben erst einmal verloren hat. Nach einem zwischenzeitlichen Sieben-Tore-Rückstand gelang der Mannschaft von Petkovic immerhin eine erstaunliche Ergebniskosmetik in der Schlussphase.

Eine realistische Chance auf die ersten Plätze haben die Berliner aber ohnehin nicht, denn sie leiden unter einem Personalschwund, von dem Manager Hanning sagt, in seiner langen Karriere als Funktionär habe er so etwas »noch nie erlebt«. In Mannheim fehlten den Füchsen acht Spieler, die gemeinsam ein Team von internationalem Format ergeben würden. Im Finale der Klub-WM hatte es mit Nationalspieler Fabian Wiede nun auch noch den vielleicht gerade formstärksten Spieler der gesamten Bundesliga erwischt. Ob der nun ebenfalls verletzte Rückraumspieler bis zur WM im Januar einsatzbereit ist, müssen weitere Untersuchungen zeigen.

Somit könnte die Terminhatz der Berliner sogar Auswirkungen auf die deutschen Ambitionen beim Turnier im eigenen Land haben könnte. Auch Wiedes Vereinskollege Paul Drux ist verletzt und droht bei der WM auszufallen.

Die Löwen indes hatten keine Muße, sich mit den großen personellen Problemen ihres Gegners zu beschäftigen. Als dominierende Mannschaft der zurückliegenden drei Jahre ist man im Moment vollauf mit sich selbst beschäftigt. Nach einer Niederlage eine Woche zuvor an gleicher Stelle gegen den THW Kiel war es wichtig, nicht mehr Boden auf die Spitze zu verlieren. Das Glücksgefühl des Sieges war bei diesem 28:25 wichtig, das Wie und Warum zweitrangig. »In den vergangenen Jahren hatte ich oft das Gefühl, dass es von allein läuft. Das ist im Moment nicht so«, sagte Gudjon Valur Sigurdsson. Der 39-Jährige, der immer noch wie ein junger Mann durch die Handballarenen sprintet, will mit seinen Kollegen daran arbeiten, die Leichtigkeit zurückzugewinnen, die zu zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg geführt hat.

Mit der Feinarbeit muss der Isländer aber noch eine Woche warten, denn ab heute sind die Topspieler der Klubs für ihre jeweiligen Nationalmannschaften unterwegs: Die Liga pausiert. Auf die Berliner Fabian Wiede und Paul Drux trifft das nicht zu, sie müssen zum Arzt.

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