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  • Kultur
  • »Momentum« in Düsseldorf

Was in unserer Macht liegt

Nicht Setzung, sondern Suche: »Momentum« am Düsseldorfer Schauspielhaus

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wer ist heute eine Persönlichkeit - derjenige, der souveräner Herr seiner Masken ist? Was sind heute Parteibücher - einzig noch Quittungen für den Selbstverkauf? Was bedeuten heute Machtpositionen - entstellte Ideen, aber in hoher Stellung?

Solche Fragen pochen, beim Blick auf diese fünf Personen im Psychostress, in »Momentum« von Lot Vekemans, der erfolgreichen Dramatikerin aus den Niederlanden. Erstmalig fand die Uraufführung eines ihrer Stücke an einem anderssprachigen Theater statt - Roger Vontobel inszenierte am Schauspielhaus Düsseldorf (Bühne: Klaus Grünberg).

Auf langem, neongleißendem Laufsteg. Links und rechts Stuhlreihen, weit vorn eine Tür. Als blickte man in einen Flugzeuggang, hin zum Cockpit. Eine aseptische Luftblase? Ein abgehobener, steril zeitloser Raum - darin in hilfloser Stillstandshektik: die Gefangenen eines Hirnschmerzes, der sich an der Unfähigkeit entzündet, auf höchster Machtebene einen Halt, eine Beruhigung zu finden.

Ein sehens- wie hörenswerter Schlagabtausch, Verzweiflungs-Pingpong. Staats- und Parteichef Meinrad ist am Ende. Ein Spitzenpolitiker, breitgeklopft. Leben auf dem Tablett, nur noch möglich mit Ta᠆bletten. Wie soll er in Kürze in eine Abstimmung gehen, die sein Ende bedeuten könnte? Sein Berater sind ratlos. Leiber unter Hochdruck. Krampfhaft aufrecht oder niedergepresst. Aber da ist noch die First Lady: eine vorpreschende Lady Macbeth, freilich keine Mord-, sondern tapfere Sinnstifterin. Denn Ebba mag nicht zusehen, wie sich ihr Mann noch länger übernimmt - wie wär’s, wenn sie selbst übernähme?

Historiker und Journalisten wollen etwas wissen. Das Theater will gar nichts wissen, sondern: es sich vorstellen. Zum Beispiel, welches Drama in jener Politikerhaut steckt, die sich Spießruten aussetzt. Derer sind viele: Öffentlichkeit, Parlament, Parteigremien. Und die Ruten wachsen auch nach innen: Sie peitschen den Geltungswillen an, die Eitelkeit, dieses falscheste unter so vielen möglichen Egos. Auf den ersten Blick: alles bekannt. Dieser Poker, dieser Seelenverschleiß auf höheren Ebenen. Ein Drama müsste Ungewusstes enthalten - und tatsächlich wird der Text »Momentum«, durch Schauspiel, zum Erlebnis. Ein Stück, das seinen Titel jener Kraft entlehnt, die in der Lage ist, eine enorme Schwungmasse an ihrem wuchtigsten Ausschwung zu stoppen. Oder einfacher gesagt: Ergreif den Moment! Pack die Gelegenheit!

Diese Aufforderung führt ins Zen᠆trum: Jana Schulz als Ebba. Sie fasziniert. Sie war schon Macbeth und Woyzeck, Hedda Gabler und Medea, Königin Margaret und Kriemhild, Rose Bernd und Penthesilea. Eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Schauspiel. Manchmal findet sie zu gefrorenen Klirr-Klängen, als würden Eiszapfen in einer Gletscherhöhle angeschlagen. Manchmal scheinen diese hellen Töne wie bloßliegend schwingende Nervensaiten zu tanzen. Ihre Ebba ist zerbrechlich, aber in ständiger Wehr gegen diesen Eindruck. Eine Amazone auf Scherbenkanten. Ebba ist eine Eisheilige der Opfergaben an ihren erfolgreichen Mann - doch mehr und mehr taut sie auf, unter der Herz- und Heizstrahlung des eigenen Ehrgeizes.

Einmal sagt Meinrads Berater: »Ich glaube, man kann das Maß der Zivilisation daran ablesen, wie mit Künstlern umgegangen wird.« Der junge Dichter Ekram antwortet: »Es gibt Leute, die sagen dasselbe über Tiere.« So treiben dialogischer Witz und diagnostische Schärfe einander in erstaunliche Hör-Spiel-Höhen.

Den Lyriker Ekram verkörpert Kilian Land, ein schmächtiger Nachfahr von Fausts Famulus; er macht erste Erfahrungen im Trotzmodus, bewirbt sich bei der Welt als Außenseiter, aber muss wohl erst noch beweisen, dass er das durchhalten kann, ohne belobigt zu werden. Wolfgang Michalek gibt den Berater Meinrads als einen Gedrungenen, der mit allen Eiswassern der Massen-Manipulation gewaschen ist und dabei natürlich nicht sauber, sondern abgebrüht wurde. Aber auch er: ein Durchwalkter im Getriebe, wie ein jeder von uns Gewalkter im Getriebe ist - Michalek taucht das in elegante Räudigkeit, einfühlsame Glätte und duldungsfähige Intelligenz.

Gelingendes Atmosphären-Theater, Geschmeidiger Schliff im Arrangement, genauer Blick für den Zentimeter, der zwischen Menschen über Nähe und Entfernung entscheidet. Das Reden ist nicht Setzung, sondern Suche. Man kommt als Zuschauer gar nicht dazu, diese Leute vielleicht zu verurteilen - weil man die ganze Zeit damit beschäftigt ist, mit ihnen zu leiden. Gerade auch mit Meinrad, dem Christian Erdmann ein bestechend sympathisches Burnout-Profil gibt.

Was im Stück auf den ersten Blick verwaschen wirkt, erweist sich als der eigentliche Verstörungsimpuls: Meinrad ist Regierungs- und Parteichef - doch welcher politischen Richtung? Das bleibt aufreizend unklar und verhindert so den obligat gewordenen Verachtungsreflex, mit dem so landläufig Rot auf Rot zeigt, Grün auf Blau, Schwarz auf Nochschwärzer, der Radikale auf den Reformer. Meinrad hat Ideale: »Aber nenne mir ein Land, das durch Ideale besser geworden ist.« Dieser Politiker will überzeugen, doch scheint alles so entsetzlich austauschbar zu sein: »Alles, wogegen wir kämpfen, führt zu dem, wogegen wir kämpfen.« Auf die Leute einzureden, bringt am Ende ein einziges Resultat: Man hat sich Wirkung nur selber eingeredet, »jedem, der gerettet wurde, steht einer gegenüber, den wir verlieren«. Fortschritt? »Wir pfuschen alle miteinander ein bisschen herum, die Weltverbesserer eingeschlossen.«

Zur wesentlichen Gestalt wird ein ungeborenes Kind, Ebbas gestorbene Frühgeburt: André Kaczmarczyk tänzelt durch die Szene; der Junge - schmal, halbstark, lauernd oder schlangenhaft erregt - ist bedrängender Gesprächspartner seiner Mutter, Geist und Gespenst, sichtbar nur für sie. Ein Einflüsterer, er stößt sie vorwärts, verschmilzt sogar mit ihr, eine Laokoon-Gruppe der unerfüllten Träume. Wenn beide ihre überanstrengten Köpfe einander an den Schultern ausruhen lassen, dann blüht eine abgrundtiefe Trauer auf: über nicht gelebtes Leben. Wundervolle Erschöpfungstollheit. Dass nun ausgerechnet Meinrads Berater dies Kind einst affärenwild zeugte - das ist ein bisschen an des Mannes Glatze herbeigezogen, aber - geschenkt; Vontobel lässt diesen Umstand zum Glück so beiläufig verspielen, als wolle er ihn verschweigen. Vermeidungs-Charme auf dem Kolportage-Boulevard.

Am Ende wird das ungeborene Kind die Stuhlreihen umstoßen, die Tür weit vorn wird zum großen Spiegel, der uns Zuschauer gleichsam auf die Szene wirft. Die wir Beteiligte sind, an jener allgemeinen Verwirrung, die Bevölkerungen derzeit so hypochondrisch macht - und eine bodenlose Unlust an Gesellschaft womöglich zum letztverbliebenen Verhaltensradikal erhebt.

Ebba wehrt sich. Politik soll glaubwürdig sein? Denkwürdig wäre besser. Jana Schulz spielt grandios: Wir wissen nichts, ehe wir nicht dafür bezahlt haben. Ebba will bezahlen, bar - und zwar mit ihrem seltsam hervorstechenden Alt-Ethos, dass die Macht nach wie vor eine nutzvolle Möglichkeit bleibt. Für sie selbst, die alle meint. Vorausgesetzt, der matte Gatte tritt zurück. Eine Ehe bewahren - mit Ehrverlust? Oder die Ehre wahren - bei Eheverlust? Absolute Stille. Ebba: »Ich bitte dich.«

Meinrads stimmlose Verblüffung zeigt die Inszenierung noch, seine Antwort bleibt im Dunkel. Aus. Bravo!

Nächste Vorstellungen: 30.10., 11.11.

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