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  • Filmklassiker »Halloween«

Pimmelträger mit Maske

Profitpotenzial verlangt nach Wiederholung: Die Fortsetzung des Horrorklassikers »Halloween«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Wer einen der Urtexte des modernen Horrorfilms fortschreibt, hat vermutlich nicht zu wenig Druck. Mächtig ist das Erbe stilbildender Werke, man kann vieles falsch und nur wenig richtig machen. Aktualisieren muss man die Figuren und den Plot in irgendeiner Weise, gleichwohl soll sich der Film auch demütig verbeugen vor dem Original und seinem Regisseur und nicht ausscheren aus der etablierten Mythologie und Ikonografie. Die Beispiele des Scheiterns sind zahlreich: Zack Snyder beispielsweise, der 2004 mit »Dawn of the Dead« die letzte große Horror-Remake-Welle mit einläutete, versenkte seinen Film konsequent, indem er eine sagenhaft stumpfe und skrupellose Antithese zu George A. Romeros Original von 1978 fabrizierte. Die offensichtlichste Neuerung - »Zombies don’t run, they can’t! Their ankles would snap«, kommentierte Romero - war nicht das zentrale Problem. Snyder war es gelungen, alles, was im Original an Finsternis, Verzweiflung und schwarzem Humor steckte, auf das idiotenkompatible und menschenverachtende Krachbummkino runterzubrechen, für das man ihn kennt und das man - so weit es halt geht - ignoriert.

Es folgten in den Nullerjahren Neuauflagen von zahllosen Slasher-Filmen und Klassikern des modernen Horrorfilms, die mal sehr (»The Hills have Eyes«), mal gar nicht gelungen waren (»The Last House on the Left«). Ein Sonderfall waren die beiden »Halloween«-Remakes von Rob Zombie, der John Carpenters zugleich unterkühlten wie fiebrigen Originalfilm schlicht als weitere Episode in seine ureigene White-Trash-Erzählung einspannte: der Serienkiller Michael Myers als psychisch depraviertes Trailer-Park-Kind. Das war bizarr und punktuell interessant, ließ das Label- Remake aber eigentlich obsolet werden, weil der Film die eigentliche Idee selbstüberzeugt negierte.

Wenn also 2018 jemand an John Carpenters 1978 entstandenes »Halloween«-Original anknüpft, das maßgeblich für das gesamte Slashergenre war, muss er einiges stemmen - immerhin hat er es mit einem als unantastbar geltenden Film, sieben Sequels, einem hassgeliebten Remake und einem Sequel zum Remake zu tun. Und einem Plot, dem man eigentlich nichts hinzufügen möchte: Ein sechsjähriger Junge ersticht seine Schwester, wird in der Psychiatrie weggeschlossen, bricht fünfzehn Jahre später aus und mordet sich durch die Teenagerpopulation des natürlich stinknormalen Vororts Haddonfield. Über Motivation und Psyche von Michael Myers erfährt der Zuschauer nichts, der Mensch, der tötet, bleibt eine bis ins Mystische überhöhte Leerstelle. Sein Gesicht ist nicht zu sehen, das Zentrum dieser Genre-ikone ist ihre Maske, und dahinter ist das Nichts. Und weil »Halloween« auch deswegen so glasklar und einfach und durchschlagend war, hätte man es auch eigentlich dabei belassen können.

David Gordon Green hat nun - mit dem Segen John Carpenters - eine Fortsetzung gedreht, die alles, was nach dem ersten Teil kam, wohlweislich ignoriert und 40 Jahre später einsetzt, nachdem Laurie Strode (heute wie damals: Jamie Lee Curtis) ihre Begegnung mit Michael Myers überlebt hat. Das Drehbuch wählt die Variante Trauma-Erzählung: Laurie Strode hat sich im Wald eingebunkert, das Haus voller Waffen und einen Survival-Bunker unter dem Küchenboden. Im Nachbarort leben ihre wiederum vom Trauma der Mutter traumatisierte Tochter und die der Großmutter innerlich zugewandte Enkelin, die offenbar ahnt, dass ihre Großmutter Dinge von der Welt weiß, die die Mutter ihr, der Tochter, vorenthält. Anbei noch ein eher unnützer Vater, der wie so viele Autoritätsfiguren im modernen Horrorfilm keine oder nur eine überflüssige Rolle spielt und dementsprechend auch uninteressant bleibt.

Trauma und Profitpotenzial verlangen nach Wiederholung und Serialisierung, und es geschieht, was geschehen muss. Michael Myers bricht aus und marodiert in der Halloween-Nacht durch Haddonfield. Notwendige Mythos-Korrekturen werden en passant vorgenommen (nein, Michael war doch nicht Lauries Strodes Bruder), man verneigt sich mit einigen kanonisch gewordenen Einstellungen und einer originalgetreuen Credit-Sequenz vor John Carpenter. Es hätte also alles wunderbar werden können, aber das Potenzial liegt vor allem in der Figur, die die Protagonistin hätte sein sollen. Jamie Lee Curtis ist das eigentliche, unnötig verschenkte Zentrum dieses Films. Und man kann sich die tristen Diskussionen auf Produzentenebene lebhaft vorstellen: »Eine Frau über fünfzig, das geht nicht als alleinige Hauptfigur, das will doch keiner sehen« und so weiter. Was man sich als mutloser Geldgeber halt über das Kino so zusammenreimt.

Also kommt der Enkelinnenfigur (Andi Matichak) die undankbare Aufgabe zu, Laurie Strode über weite Strecken aus dem Bild zu drängen, und an dieser grundlegenden Fehlentscheidung laboriert der Film im langen zweiten Akt immer wieder herum. Das meiste, was das Teenager-Universum von Haddonfield für die Kernzielgruppe auskleiden soll, wirkt fahrig und hingeschludert - eine lange Babysitter-Schrecksequenz, die wirkungslos verpufft, eine Eifersuchtsgeschichte, die einfach aus dem Film verschwindet, ohne Spuren zu hinterlassen. Wo Carpenter prägnant und ohne groß herumzupsychologisieren benannte, mit was für Figuren wir es zu tun haben, will Greens spätes Sequel irgendwie Tiefe oder irgendetwas in der Art herstellen. Genau weiß man es nicht. Jedenfalls gerät der Film damit immer wieder ins Faseln. Die Einzige, die glaubhaft machen kann, dass ihre Figur so etwas wie eine Psyche und eine Geschichte hat, ist Jamie Lee Curtis, die jedes Bild adelt, in dem sie auftaucht.

Aus dem passagenweise unfokussierten Treiben ragen immer wieder Momente und Szenen hervor, die, seltsam genug, von überraschender Schönheit sind. Eine lange Plansequenz zum Beispiel, in der Michael Myers, im Halloween-Trubel unerkannt bleibend, die Nachbarschaft zerlegt, gefilmt durch die Fenster der Häuser der Stadt. Das zeigt der Film in einer inszenatorischen Leichtigkeit, die, wenn man das alles nicht allzu ungnädig mit der formalen Strenge des Originals vergleicht, Fiebertraumpotenzial hat. Auch an zwei, drei anderen Stellen kippelt das Geschehen denkwürdig und sanft ins Surreale.

Im Finale reißen sich alle noch einmal zusammen. Drei Generationen von Frauen treten gegen den Schwarzen Mann an. Ungebrochen starke Heldinnen konnte man - als Genrekonvention - zuerst im Horrorgenre sehen, und es ist, mit inzwischen einer ganzen Ahnenreihe von Final Girls im Rücken, klar, dass ein Pimmelträger mit Messer und Maske in dieser Konstellation keine große Chance hat. Auch sonst bleibt »Halloween« - trotz einem leider auch wieder etwas überspannten Überraschungstwist gegen Ende - arg vorhersehbar. Was an sich nicht schlimm ist. Schade nur, dass der Film seiner Hauptfigur nicht traut und Jamie Lee Curtis nicht einfach das Feld überlassen wollte. Es hätte Großes geschehen können.

»Halloween«, USA 2017. Regie: David Gordon Green; Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak, Will Patton. 109 Min.

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